Mittwoch, 11. Juni 2014

Friedensgebet im Vatikan - Unfrieden in Deutschland

In Kurzform die Vorgeschichte:
Anlässlich seiner Reise in den Nahen Osten hatte Papst Franziskus Israels Präsidenten Schimon Peres und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas nach Rom zu einem gemeinsamen Friedensgebet eingeladen. Dieses hat zu Pfingsten in den Gärten des Vatikan stattgefunden.

Es war ausdrücklich kein politisches Zusammentreffen. Herr Peres, Herr Abbas und Papst Franziskus ergriffen jeweils das Wort, und außerdem wurde... naja... eben gebetet.

Jetzt mag man wunderbar streiten über den Sinn eines solchen Treffens, oder den Wert des Betens an sich - aber lassen wir das mal beiseite.

Kurz nach dem Friedensgebet begann im virtuellen Deutschland (und tatsächlich, soweit ich das recherchieren kann, NUR in Deutschland) eine Debatte über den Imam, der u.a. eine - wie es heißt - vorher nicht angemeldete und - wie es ebenfalls heißt - hetzerische Koransure in sein Gebet "eingebaut" habe.

Ausgelöst wurde dies, soweit ich verstand, durch Hamed Abdel-Samad, der auf seiner Facebook-Seite am Sonntag schrieb:
„Im Garten des Vatikans beschließt der muslimische Geistliche sein Gebet mit dem Koranvers: Möge Allah uns zum Sieg gegen die Ungläubigen verhelfen! Das nenne ich ein Friedensgebet!“

Seitdem sind die Lager sozusagen gespalten: Für die einen ist Herr Abdel-Samad ein Lügner, oder doch zumindest jemand, dessen Arabisch- bzw. Korankenntnisse unzureichend sind für eine solche Übersetzung. Für die anderen ist er der Rufer in der Wüste, der aufzeigt, dass "man" wieder mal den Muslimen auf den Leim gegangen ist .

Eines ganz klar zwischengeschoben:
Auf den Vorwurf, der Imam habe den Koranvers ohne vorherige Anmeldung sozusagen "eingebaut", gehe ich hier nicht ein, und zwar einfach deshalb, weil ich das unmöglich wissen oder überprüfen kann. Radio Vatikan bestreitet es jedenfalls, und legt gleichzeitig eine (die Verschwörungstheoretiker werden sagen: angeblich) vollständige Wiedergabe sämtlicher Texte vor. Andere wiederum sagen: "Pfhh, im Vatikan spricht niemand Arabisch - die haben überhaupt nicht bemerkt, dass da etwas eingeschoben wurde, ehe es zu spät war." Auch das kann ich nicht wissen, und deshalb bleibt es hier im Raume stehen.

Bleiben wir aber mal bei Herrn Abdel-Samad (den ich übrigens aus der Satiresendung Entweder Broder schätze) und bei seiner Behauptung. Wenn denn nun der Imam anlässlich des Friedensgebetes diesen Satz
"Möge Allah uns zum Sieg gegen die Ungläubigen verhelfen!"
in sein Gebet eingeschleust hätte, und zwar in genau diesem Sinn - dann wäre das ein sehr starkes Stück, und ich nähme das Wort "Hinterlist", das in diesem Zusammenhang gefallen ist, jederzeit auf und gäbe es weiter.

Nur frage ich mich: Wurden diese Gebete in den Gärten des Vatikans denn im Ausland nicht auch verfolgt? Saß denn da nicht auch der eine oder andere mit so guten Arabischkenntnissen vor dem Bildschirm, dass er aufmerkte, als dieser Satz fiel? Und hätte man in diesem Fall, bei der heutigen globalen Vernetzung, also nicht auch auf Websites anderer Länder auf den einen oder anderen "Aufschrei" stoßen müssen? Ich finde jedenfalls nichts.

Nun stoße ich aber auf Herrn Abdel-Samads Facebookseite auf einen neueren Eintrag (Dienstag, 10. Juni) zum gleichen Thema. Dort schreibt er nun:

"Radio Vatikan bestreitet dass der muslimische Geistliche am 8 Juni im Garten des Vatikan zum Sieg gegen die Ungläubigen gebetet hat. Hier nochmal den Koranvers (übersetzt von Rudi Paret), den der Gesitliche in seinem Gebet benutzt hat: Allah verlangt von niemandem mehr, als er (zu leisten) vermag. Jedem kommt (dereinst) zugute, was er (im Erdenleben an guten Taten) begangen hat, und (jedem kommt) auf sein Schuldkonto, was er sich (an bösen Taten) geleistet hat. Herr! Belange uns nicht, wenn wir vergeßlich waren oder uns versehen haben! Herr! Lad uns nicht eine drückende Verpflichtung (isr) auf, wie du sie denen aufgeladen hast, die vor uns lebten! Herr! Belaste uns nicht mit etwas, wozu wir keine Kraft haben! Verzeih uns, vergib uns und erbarm dich unser! Du bist unser Schutzherr, hilf uns gegen das Volk der Ungläubigen! (sure 2, letzter Vers)"

Hier nutzt Herr Abdel-Samad eine Übersetzung des betreffenden Koranverses, die nicht von ihm selber stammt (ob die erste Übersetzung von ihm war, oder von einem anderen Übersetzer, weiß ich nicht). Und dazu habe ich nun die folgenden Gedanken:

Erstens sehe ich zwischen
"Möge Allah uns zum Sieg gegen die Ungläubigen verhelfen!"
und
"Du bist unser Schutzherr, hilf uns gegen das Volk der Ungläubigen!"
schon mal einen... hm... "gewissen" Unterschied.

Zweitens muss man sagen: Wer sich schon einmal, und sei es nur im geringsten Maße, mit der Psalmenauslegung  (die ich jetzt mal zum Vergleich heranziehe) beschäftigt hat, der weiß zweierlei:
a) Niemals einen Satz außerhalb des Kontextes lesen!
b) Immer die Wörter (ALLE Wörter!) bis ins Kleinste durchdenken und auf die Goldwaage legen!

Wenn ich also jetzt diesen beiden Regeln folge, dann schaue ich erst mal auf den Kontext der hier übersetzten Sure und frage mich: "Was soll denn hier erbeten werden?"

Wie oft auch in unseren Psalmen, beginnt der Text mit dem Lob Gottes/Allahs:
Er weiß, was jeder einzelne Mensch leisten kann und ist barmherzig genug, nicht mehr aufzuerlegen, als der Einzelne tragen kann.
Er wird den Menschen gerecht richten und dabei Gutes und Böses seines Lebensweges abwägen.

Dann folgen die Bitten:
Wenn wir ohne Absicht gesündigt haben, rechne es uns nicht an!
Mache unsere Lasten leichter als die jener, die vor uns waren!
Gib uns keine Lasten, die wir nicht tragen können!
Verzeih' uns, sei barmherzig!

So, und nun zur letzten Bitte - dem großen "Aufreger" dieser Tage:
 Du bist unser Schutzherr, hilf uns gegen das Volk der Ungläubigen! (sure 2, letzter Vers)"

"Schutzherr" steht da. Nicht "Streitherr" oder "Kämpfer" oder "Anführer im Kampf". Da wird um Schutz gebeten, nicht um Kraft (im Kampf, oder wie auch immer), sondern um Hilfe "gegen das Volk der Ungläubigen".

Läse ich jetzt nur "hilf uns gegen das Volk der Ungläubigen", ja, dann könnte ich das als Aufruf lesen "steh' uns bei im Kampf gegen die Ungläubigen". Aber bei gleichzeitiger Bitte um Schutz? Das scheint mir wenig stimmig. Und dies ganz besonders im Kontext zu den vorangegangenen Sätzen: Der Beter macht sich hier doch vor Gott/Allah ganz klein! Er gibt zu, gesündigt zu haben, aus purer Vergesslichkeit und/oder Unaufmerksamkeit. Er gibt zu, dass seine Vorfahren stärker waren, stärkere Lasten (er)tragen konnten als er es vor Gott/Allah kann. Er bittet um Vergebung und Barmherzigkeit. Für mich kleinen Laien ist dies ein einziges Gebet aus der Bedrängnis heraus gesprochen. Ich kann hier keinen Kampfaufruf entdecken.

Meine Güte, dieses Gebet könnte jeder Katholik zu "seinem" Gott sprechen, ohne sich etwas zu vergeben oder dadurch zum Moslem zu werden. Und im Grunde tun wir das sogar, mit jedem "Vaterunser", denn ich für mich erkenne da durchaus Parallelen.

Wie gesagt, ich schätze Herrn Abdel-Samad. Und frage mich, ob er nicht einfach - aus seiner neueren Lebensgeschichte heraus sogar verständlicherweise - anfänglich überreagiert hat. 




1 Kommentar:

  1. Alles nicht so schlimm: http://www.kath.net/news/46336

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