Samstag, 1. Dezember 2018

Südafrikanisches Tagebuch

Tag 1

Ankunft Johannesburg "Tambo Airport"

Passkontrolle - Gesundheitsscan, offensichtlich bin ich fieberfrei, gut zu wissen - Kofferausgabe, alles da, prima - das ging schnell.

Erstmal ein kurzer Ausflug nach draußen, Wettercheck, wie heiß ist es? 28 Grad, kühle Brise, nach unserem langen und heißen deutschen Sommer fühle ich mich da im Pullover noch ganz wohl. Na, das passt.

Raucher, die nach langen Flügen nach draußen stürzen, werden enttäuscht - keine Raucherzonen an den Ausgängen, wie man es von europäischen Flughäfen kennt. Nur Verbotsschilder. Die einzige ausgewiesene Raucherzone befindet sich gegenüber, in der prallen Sonne, und erreichbar nur durch Überqueren einer sehr stark befahrenen Straße. Da dürfte manch einer die Erfahrung von "Smoking kills" noch vor dem Anzünden seiner Zigarette machen.

Im Airport noch die Prepaid-Karte fürs Tablet kaufen und Bargeld ziehen. Das heutige Brot und Salz zum "Einzug" ins Ausland.

Am Abend begrüßt mich Südafrika standesgemäß mit einem zweistündigen Loadshedding. Dank an die Guptas und Präsident Zuma. Die Guptas sind untertaucht in Indien, Zuma ist mitsamt AIDS-Dusche zurückgetreten. Der Energieversorger Eskom und mit ihm alle Probleme sind dem Land geblieben.

"Load shedding": Das kurz vorher angekündigte (oder auch nicht) und sich von zu Stadtteil zu Stadtteil vorarbeitende Abschalten des Stroms, Dauer 1-? Stunden, zur Entlastung der Kohlekraftwerke. Auch Straßenbeleuchtung und Ampeln des jeweils abgeschalteten Viertels sind betroffen. Generatoren haben seit Jahren Hochkonjunktur, Taschenlampen, Akkustrahler und Kerzen sind ein Muss. Der Südafrikaner nimmt es gelassen und mit viel schwarzem Humor.

"Zumas Dusche": Vor einigen Jahren behauptete Präsident Zuma allen Ernstes, eine Dusche nach ungeschütztem Sex sei als Schutz gegen AIDS vollauf ausreichend. Seitdem wurde er von Südafrikas Satirikern nur noch mit einer Dusche über seinem Kopf gezeichnet. Andererseits war seine Aussage auch nicht ausgefallener als die der südafrikanischen Gesundheitsministerin, die schon Jahre zuvor behauptet hatte, AIDS sei durch Rote Beete, Zitronensaft und Knoblauch heilbar. Da wir in Deutschland aber immerhin schon eine Ullala Schmidt hatten und heute einen Jens Spahn haben, liegt es mir fern, vor fremden Türen kehren zu wollen.

Pünktlich vor dem Zubettgehen gehen die Lichter wieder an.

Tag 2

Auf Weihnachtsmärkten in Südafrika sucht man Glühwein vergebens. Es vermisst ihn allerdings auch niemand.

Dafür bieten die Märkte Kulinarisches aus aller Welt an, denn alle Welt lebt in Südafrika.

Die ersten Pasteis de Nata außerhalb Portugals, österreichischer Strudel, deutsche Bratwurst, malaiische, indische, griechische, afrikanische Küche, alles dicht nebeneinander und in perfektem Miteinander.

Nein, Eisbein ist nicht typisch deutsche Küche.

Das erste Türchen am mitgebrachten Adventkalender öffnen und später bei frischen Erdbeeren mit Schlagsahne den Weihnachts- und Wochenmarktmarkt unter einem schattenspenden Baum sitzend genießen. Südafrika eben.

Im Grunde gibt es nichts, was man bei Südafrikas Straßenhändlern nicht vom Auto heraus kaufen kann.

Tanzeinlagen sind neu. Drei Männer mit drei Bierkästen führen an einer Ampelkreuzung vor den wartenden Autos eine durchaus gut choreografierten und ca. 20 Sekunden dauernde Tanzeinlage auf, um dann vor dem Wechsel auf grün schnell von den Fahrern ihr Honorar einzusammeln.

Die Weite dieses Landes ist für einen Europäer immer wieder atemberaubend.

Die Beschränkung des Einzelnen durch selbst errichtete Mauern, Elektrozäune, Alarmanlagen und Vergitterungen ist für einen Europäer inzwischen weniger befremdlich als ein bitterer Vorgeschmack auf Entwicklungen auch im jeweils eigenen Land.

Die Vorstellungen mancher südafrikanischer Restaurants über ein "light meal" (leichte Mahlzeit) decken sich nicht mit meinen.

Mittagessen in einem Baumhaus ist eine feine Sache.


Ein Drugstore mit 4 (vier) langen Regalreihen voller Nahrungsergänzungsmittel. Und ich dachte immer, Deutschland wäre Spitzenreiter unter den Gesundheitsaposteln, wenn ein größerer DM-Markt eine volle Regalwand aufzuweisen hat.

Eine Packung mit Namen "Brain Fuel" hätte ich gerne in die USA geschickt, Adresse "Weißes Haus, Donald Trump, persönlich". Aber vielleicht sollte man lieber Großpackungen an seine Wähler verteilen.

Abends wieder Loadshedding, dankenswerterweise nur eine Stunde heute.

Die perfekte Methode gefunden, einer störenden Mücke im Schlafzimmer ohne viel Aufwand den Garaus zu bereiten: Licht aus, Tablet flach hinlegen und einschalten. Die Mücke fliegt aufs Tablet als einziger Lichtquelle. Taschentuch draufpatschen. Mücke kaputt, Schlaf gesichert.

Tag 3 - 5 

Einen Sternenhimmel wie auf meinem Balkon in den Drakensbergen habe ich bisher nur einmal in meinem Leben gesehen, und auch das war in Südafrika; vor vielen Jahren während einer Übernachtung mitten im Karoo. Da werden auch vermeintlich große Probleme ganz klein. Was für ein Wunder uns Europäern doch durch unsere Lichtverschmutzung entgeht.

Dafür sind wir vorneweg bei Dieselfahrverboten und der erzwungenen Ausmusterung der fahrenden Luftverschmutzer. Die tuckern nun munter durch Afrika. Aber Hauptsache, die eigene Luft bleibt sauber.

Das tägliche unvermutete "load shedding" bringt auch den eingefleischtesten Prokrastinateur auf Trab: Erledige die Dinge sofort, oder Eskom schaltet dir den Strom ab, wenn du dich endlich aufgerafft hast.

Aufladbare Laternen haben Hochkonjunktur.

In Südafrika gibt es nur zweilagiges Toilettenpapier. Einlagiges in öffentlichen Gebäuden. Das ist kein Spaß.

Zirpende Grillen vor deiner Lodge sind eine beruhigende Nachtmusik.
Eine zirpende Grille in deinem Schlafraum ist das Inferno.

Zwei Stunden und länger mit dem Auto durch nichts als Landschaft fahren.


Vegetarier haben in diesem Land eigentlich keine Chance. Aber wer die endlosen Weiten sieht, in denen sich Kühe, Ziegen und Schafe frei bewegen können, dem wird klar, dass nicht der Fleischverzehr, sondern die entsetzliche westliche Massentierhaltung in all ihren Auswüchsen das eigentliche Problem ist.


Natürlich ist in Südafrika vieles im Argen, was die medizinische und andere Versorgung angeht. Um Schönfärberei geht es mir nicht. Aber bei einem privaten Besuch in einem (übrigens "nur" durchschnittlichen, was die Kosten angeht) Altersheim erlebe ich wieder etwas, was uns in Deutschland inzwischen fast völlig abgeht:
Mehr als ausreichendes und gut geschultes Personal, das seine Arbeit gerne und mit Liebe tut, weil für alle Heimbewohner Zeit bleibt - für ein Handhalten, für ein Gespräch, für Hilfe beim Essen, für ein aufmunterndes Wort.

Armes Deutschland, wenn ich sehe, wie du mit deinen Alten umgehst.

Meine Heimatstadt hat vor 2 Jahren ein gigantisches neues Einkaufscenter erhalten. Es ist so riesig, dass es fast in die Kundentoiletten eines mittelgroßen südafrikanischen Einkaufscenters hineinpasst.

Tag 6 - 8

Wenn du "nach Hause"  kommst und dich auf eine heiße Dusche und einen Kaffee freust... und feststellst: It's load shedding time again."

Wenn du dich umsiehst und dir plötzlich der Gedanke kommt "Heute in einer Woche wird das alles tausende Kilometer entfernt sein." Manchmal hat unser Leben surreale Proportionen.

Unsere Lodge in den Drakensbergen ist mehr als nur "jwd". Nach Verlassen des Highways geht es noch mal eine halbe Stunde lang über "dirt roads", ehe man endlich sein Ziel erreicht hat. Manchmal dauert es noch länger, weil man im Stau steht. Aber man kann die Kuh-, Schaf- oder Ziegenherden ja schlecht über den Haufen fahren.

Für ein Stadtkind aus dem quirligen Europa ist es ein heftiges Zurückgeworfenwerden auf sich selbst: Kein TV, kein Radio, nur ganz viel Stille am Abend in der eigenen "Hütte". Man muss sich halbwegs mögen, um das auszuhalten.

Die Betreiber der Lodge kommen aus Köln. Andrew war IT-ler mit südafrikanischen Wurzeln, Conny Personalsachbearbeiterin, bis beide ihre stressigen Bürojobs an den Nagel hingen und eine Farm in Südafrika kauften, die sie in den letzten 18 Jahren in das Kleinod verwandelt haben, das wir heute vorfinden. Hut ab!

Holzkonstuktionen à la Andrew sind eigenwillig und künstlerisch zugleich, egal ob es sich um Möbel, Türen, Fenster oder Schließmechanismen handelt.

So ein Frühstück muss man lieben: Selbstgebackenes Brot, Marmelade und Butter aus eigener Herstellung, Milch, Eier und Obst aus eigener "Ernte".

Wir müssen bremsen, weil plötzlich ein paar Affen die Straße überqueren. Ganz wie in Deutschland, nur tragen sie dort gerade Winterkleidung.

Frauen auf dem Weg heimwärts, mit bis zum Rand gefüllten Wasserkanistern auf ihren Köpfen balancierend. Kein fließendes Wasser im Haus, ja, nicht einmal Trinkwasser in greifbarer Nähe. Es muss täglich mühsam angeschleppt werden. Unvorstellbar. Zumindest für uns.

Die uralte TV-Serie "Unsere kleine Farm" ist bis heute schön anzusehen. Viele Geschichten sind heute so lustig oder spannend wie früher. Haben wir uns nicht alle damals gelegentlich auf die "kleine Farm" gewünscht?

Gerade heute wieder ist mir aber so recht klargeworden, dass ich Stadtkind und Spinnenphobiker bin.

Eine Auszeit in völliger Ruhe ist toll.
Eine ständige Auszeit von der Stadt könnte ich mir nicht vorstellen.
Immerhin heißt es ja "himmlische Ruhe", und mit dem Himmel, so ich mich denn überhaupt qualifiziere, was ich manchmal betrübt bezweifle, möchte ich mir eigentlich noch etwas Zeit lassen.

Und solange ich beim Anblick einer dicken, fetten, schwarzen Spinne neben meinem Bett in panische Schockstarre verfalle und eine Freundin samt Schuh um Hilfe rufen muss, ist Farmleben auf Dauer einfach nicht das richtige für mich.

Letztes Jahr auf einem Weihnachtsmarkt für wohltätige Zwecke an einem Trödelstand ein kleines Porzellandöschen mit Reliefauflage von Wedgewood gekauft. Jetzt in Südafrika auf einem Trödelverkauf im Hinterland das Tellerchen als Äquivalent bekommen. Manche Zufälle kann man sich nicht ausdenken.

Mandela Capture Site.  Ein beeindruckendes Kunstwerk im freien Feld und eine beeindruckende Tour durch Mandelas Leben - ein Versuch, diesem Mann gerecht zu werden.


Ein Kaffeebecher, der dort verkauft wird, stimmt mich nachdenklich. Auf ihm stehen Worte wie Respekt, Gleichheit, Vergeben, Erinnern... Alles aus dem Wortschatz Mandelas, mit denen er Hass, Rachegelüsten und Überlegenheitsdenken eine Absage erteilt hat. In den USA hat man Trump gewählt.

In Südafrika gibt es Waldgebiete, dass sich jeder Schwarzwälder zu Hause fühlen kann.

Heidelberg liegt in Südafrika.

Wenn jemand euch ein Mitbringsel aus Südafrika schenkt, auf dem ihr den Namen Woolworths entdeckt, so haltet ihn nicht für einen billigen Jakob. Woolworths Südafrika hat nichts mit der deutschen Resterampe zu tun, sondern ist tatsächlich eine der hochklassigsten (und -preisigsten) Ladenketten des Landes, in dem es von allem nur das beste gibt.

Tanken ist hier noch Service, Selbstbedienung ein Fremdwort. Tanken, Kühlwasser nachfüllen, Ölstand prüfen, Scheiben putzen - alles erledigt der Tankwart. Daran kann ich mich zuletzt als Kind erinnern, unterwegs mit den Eltern.

Es ist immer wieder schön, wenn zwei LKW mit ungefähr gleicher Geschwindigkeitskapazität einander auf zweispurigem Highway 5 Minuten lang zu überholen suchen. Wahrscheinlich schaut irgendwann einer in den Rückspiegel und denkt sich "Ganz schöner Stau da hinten, gut, dass ich da nicht drinstecke."

Seit 5 Tagen im Mini Cooper im afrikanischen Hinterland unterwegs. Problemfrei. In deutschen Groß- und Kleinstädten fahren SUVs.

Einkaufstour zum Wochenende. Mindestens 15 Afrikaner drängen sich im offenen, hinteren Teil des Pick-ups (in Südafrika nennt man diesen Wagentyp einen Bakkie) zusammen. Ich würde gerne mal das Gesicht eines deutschen Autobahnpolizisten bei einem solchen Anblick sehen.


Sonntag, 14. Oktober 2018

Vertane Zeit

Im Englischen gibt es das Sprichwort "Time wasted is time lost", also: Verschwendete Zeit ist verlorene Zeit.

Etwas verschwenden, das uns ohnehin in schwindelerregender Geschwindigkeit zwischen den Fingern zerrinnt, nein, das will niemand.

Wie haben gelernt, unsere Zeit in jeder wachen Sekunde effektiv zu nutzen:

Wir verschwenden keine Sekunde darauf, uns nur auf eine Sache zu konzentrieren. Gleich nach dem Aufstehen dudelt in allen Räumen das Radio. So hören wir beim Zähneputzen wenigstens schon mal die ersten Nachrichten. Während wir vor der Maschine auf den Kaffee warten, rasch einmal Facebook gecheckt, was es seit gestern Abend so neues gibt bei den Freunden.

Im Büro in der Frühstückspause brötchenkauend die neuesten Verträge gelesen. Widersprüchliche Aussagen, deren Widerspruch niemandem mehr auffällt:
"Arbeite nicht zu viel; jeder hat nur zwei Hände und einen Kopf, auch Du."
und
"Das muss heute unbedingt noch fertig werden."

Aber das ist in Ordnung - am Abend zu Hause nur vor dem Fernseher sitzen, wäre eh Zeitverschwendung, da lassen sich gleichzeitig noch rasch ein paar Emails beantworten. 

Und bei der Hausarbeit läuft ein Hörbuch oder ein Sprachkurs, damit auch der Kopf beschäftigt bleibt und die Zeit nicht völlig verplempert wird.

Jede Sekunde will effektiv ausgenutzt sein - es soll an Quantität und Qualität so viel wir nur irgend möglich in sie hineingestopft werden.

Eine Frage:

Müssten wir mit dieser Lebensweise nicht jeden Abend mit dem zutiefst befriedigenden und beruhigenden Gefühl zu Bett gehen, den Tag optimal genutzt zu haben?

Noch eine Frage:

Weshalb liegen wir stattdessen da und fühlen uns, als habe uns zwischen Aufstehen und Zubettgehen nur ein weißes Rauschen umgeben?

Und noch eine letzte Frage:

Was hieße denn eigentlich "Zeit verschwenden"?

Ich habe kürzlich an einem Sonntag die mir geschenkte Zeit verschwendet. Ich war noch durch die "Ausläufer" einer Grippe ausgebremst und daher nicht in der Lage, den Tag "effektiv" zu nutzen.

Wie sah das aus?

Ich habe Kaffee getrunken. Nur Kaffee getrunken. In der Stille. Ohne Radio, ohne Facebook, ohne Buch oder Magazin.

Ich habe ein Buch gelesen. Nur gelesen. In der Stille. Ohne Ablenkung. Sogar ohne den gleichzeitigen Griff zur Kaffeetasse.

Ich habe in Facebook geblättert. Sonst nichts. Nur das. In der Stille.

Ich habe einige Whatsapp Nachrichten beantwortet. Auch hier: Sonst nichts. In der Stille.

Ich habe in der Sonne gesessen. Nur gesessen. Mit geschlossenen Augen.

Einige Male habe ich bei all dem auf die Uhr geschaut. Und mich gewundert, dass immer noch "so viel Tag übrig war", obwohl ich ihn doch gerade sträflich verschwendete.

Aaaaah, Moment, an diesem Punkt kommt bestimmt ein Schlaumeier daher und sagt
"Klar, bei so viel Langeweile MUSS es einem ja vorkommen, als dauere der Tag ewig!"

Irrtum, Herr Schlaumeiner, Langeweile hatte ich an diesem Tag nicht für eine Sekunde. Ich habe im Gegenteil den völlig verschwendeten Tag genossen und bin mit einer inneren Ruhe aus ihm hervorgegangen, die viele von uns heute in teuren Seminaren wieder zu erlernen suchen.

Ich weiß. Nichts von dem, was ich hier schreibe, ist neu - dass unser "effektives Zeitmanagement" uns in Wirklichkeit der Zeit beraubt, wusste schon Michael Endes Momo. Und wie wichtig es ist, uns selbst gelegentlich in der Stille einfach zu "ertragen", ist uns ei-gent-lich ebenfalls klar.

Aber wir leben nicht danach.

Wir wissen es besser, und auch unsere Erfahrungen lehren es uns anders. Trotzdem jagen wir Tag für Tag der Zeit hinterher, als glaubten wir, sie am Ende sogar überholen zu können.

Letztendlich ist es aber wie mit der Jagd nach unserem Schatten:

Wir können ihn nicht einholen, aber wir können eins mit ihm werden. Aber nur, wenn wir aufhören, ihm hinterzurennen.

Samstag, 15. September 2018

Erfurt - Fotos und mehr




Ein erster Blick auf Erfurt, mit Dom und Severikirche, ehe wir uns auf den Weg machen...

Ich möchte euch die Krämerbrücke vorstellen - die längste durchgehend bebaute und bewohnte Brücke Deutschlands. Erst eine reine Holzbrücke, mit Verkaufsständen, die immer weiter ausgebaut wurden, bis sie ihren jeweiligen Besitzern Wohnstatt wurden. Nach mehreren Bränden wurde sie 1325 aus Stein errichtet und die heutigen Häuser wurden darauf gebaut, die übrigens in den oberen Stockwerken auch heute noch bewohnt sind.

Doch schauen wir erst einmal kurz auf die Rückseite, denn sobald man sich auf der Brücke selbst befindet, ist von Unterbau und Wasser gar nichts mehr zu sehen:




Und jetzt machen wir uns auf den Weg über die Krämerbrücke und vorbei an den Geschäften:


Das "Erfurter Blau" hatte die Stadt einst reich gemacht: Ein aus der "Waid" genannten Pflanze gewonnener Farbstoff wurde im ganzen Stadtbereich hergestellt. Da der tiefdunkelblaue Farbstoff mittels Zugabe von Urin aus der Pflanze gelöst wurde, wurde Erfurt sozusagen "stink-reich", denn man kann sich vorstellen, wie es aus den Waidspeichern "duftete". Übrigens war es mit dem Reichtum vorbei, als man begann, das wesentlich billigere Indigo aus Indien zu importieren. Wie jemand sagte: "Billigimporte aus Asien, welche die heimische Wirtschaft zerstören, sind gar nicht so neu, wie man denkt."


Ist es Kunst, oder kann das weg?













Im "Haus der Stiftungen" konnte man das Obergeschoss erkunden:


Wir haben aber beim Aufstieg nur das Bild des Bewohners gesehen:


Die gute Stube:


"Goldhelm Schokolade" - ich wurde gewarnt: Nur betreten, wenn man kein Geld bei sich hat. Oder einen vollen Magen. Nebenan hat der findige Besitzer einen Eisverkauf eröffnet, in dem er seine Schokoladenkreationen zu Eisträumen werden lässt.



Ein Blick zurück auf die Krämerbrücke:


Die Erfurter sind übrigens ein sehr bestrickendes Völkchen:





Baustellen gibt es auch, so dass man sich gleich wie zu Hause fühlen kann:



Die Fassade hängt ein wenig durch, was dem Charme keinen Abbruch tut:


Gut, dass es "Zum GOLDENEN Strahl" heißt...


Ich liebe einfach die herrlichen Hausfaden in der Erfurter Altstadt:


Übrigens habe ich etwas gelernt: Häusernamen wie z.B. hier "Zum breiten Herd" kennen wir ja alle - in allen Städten kennen wir ja Hotels und Gaststätten, die in alten Gebäuden oft Namen wie "Zum Goldenen Lamm" oder "Zum Roten Mond" tragen. Man denkt sich nichts dabei, aber diese Namen dienten einst dem gleich Zweck wie heute unsere Hausnummern: Damit der DHL-Bote wusste, wohin er das Amazon-Paket zustellen musste.







Und hier sehen wir nun Till Eulenspiegel, der in Erfurt einen Esel das Lesen lehrte!
Dazu gibt es eine Geschichte, die ihr hier nachlesen könnt (es lohnt sich!):
Ich mag den letzten Satz aus der Geschichte: "...und Eulenspiegel verließ seinen Schüler. Er ließ ihn als Esel gehen, wie ihm von Natur bestimmt war."
Bei vielen Schülern hat sich daran bis heute nichts geändert.



Erfurt ist übrigens von diversen Armen und Ärmchen der Gera durchzogen:





Ein Ursulinenkloster mitten in der City:





Doch bleiben wir lieber ein wenig abseits vom Trubel:




Mit dem folgenden Bild schauen wir auf eine "Burse" - heute würde man "Studentenwohnheim" sagen. In einer solchen Erfurter Burse soll auch ein junger Student namens M. Luther gewohnt haben, der später noch für eine Menge Ärger und Unruhe im Lande sorgen sollte. 
Allerdings ging es in den damaligen "Bursen" wohl nicht so besonders lustig wie in heutigen Studentenbuden zu: Es herrschten strenge Regeln, über deren Einhaltung peinlich gewacht wurde. 

Wir haben uns gefragt, woher wohl das Wort "Burse" stammte, und ich habe ein wenig gegooglet. Zwar hatte mich das Wort gleich an die "Börse" erinnert, aber wo sollte da die Verbindung sein? Ganz einfach: 
Eine Gemeinschaft, die im gleichen Gebäude und aus einer einzigen Kasse (= Börse) lebte, wurde als "Burse" bezeichnet, abstammend vom lateinischen "Bursa", der Tasche oder Börse. Nicht umsonst kennen wir außer der mit Aktien handelnden Börse ja auch bis heute noch die Geldbörse.






Häuser, die an einem Flussfer mit solchen "Überhängen" gebaut wurden, findet man einige in Erfurt.
Der Grund: 
Alle m², die sich nicht auf dem Land befanden - also in der Luft hingen - waren und sind kein Grundbesitz, mussten also weder erworben noch versteuert werden!
Pfiffig!


Schaut euch einmal diesen Eingang an. Seht ihr das kleine, runde Loch rechts über der Pforte?
Das ist ein "Bierloch". 
Ihr werdet es an vielen alten Häusern Erfurts finden. 
Fortsetzung weiter unten...


Wenn aus einem solchen Bierloch wie hier als Dekoration nachgestellt ein Büschel Getreide ragte, dann hieß das:
"Kommt rein, Leute, hier wird gerade Bier gebraut!"
Denn, so habe ich jetzt gelernt:
Bier konnte vor den Zeiten der Flaschenabfüllung nur einen Tag gelagert werden - es musste also nach dem Brauen sofort getrunken werden.


Ja, Bierlöcher gibt es haufenweise in Erfurt. Was zum Teil auch mit dem Erfurter Blau zusammenhängt: Wie oben erklärt, brauchte es zur Herstellung des Farbstoffs außer der Waidpflanze auch eine große Menge Urins. Und da es um den damaligen Reichtum der Stadt ging, hat natürlich jeder gerne das Seine getan.











Nachfolgendes Bild:

Beim Abriss eines direkt angrenzenden Hauses (man sieht den Umriss an der Hauswand noch) kam sie in den 1990er Jahre wieder ans Licht und in die Erinnerung zurück: Eine alte Synagoge.

Aber es ist mehr als nur EINE alte Synagoge - wie man heute weiß, handelt es sich um die 
älteste erhaltene Synagoge Europas.
Sie wurde vor über 900 Jahren erbaut. 

1349 brach die Pest in Erfurt aus. 
Und an der musste natürlich jemand die Schuld haben.  
Wer könnte da die bessere Wahl sein als die jüdische Gemeinde?

Das war das Ende der Synagoge. Sie wurde anschließend gut 500 Jahre lang als Lagerhaus genutzt, was man insofern als Glück bezeichnen darf, als diese Nutzung letztlich dafür sorgte, dass die Synagoge über die Jahrhunderte unverändert erhalten blieb.

Heute ist sie ein Museum.



Und jetzt auf zur Festung auf dem Petersberg:


Die Festung wurde übrigens im 17. Jhd. nicht zum Schutz Erfurts erbaut, sondern tatsächlich gegen die Stadt, denn das protestantische Erfurt stand unter (katholischer) Mainzer Herrschaft und es sollten ihm keine weiteren Aufstände in den Sinn kommen. Die sternenförmig angelegte und als uneinnehmbar geltende Festung sollte dies verhindern:




Hier schaut das Wappen des Erbauers, des Mainzer Erzbischofs Johan Philipp v. Schönborn, vom Berg seiner Zitadelle auf die Erfurter hinab.






Ein Portrait v. Schönborns. 
Und wir wollen ihm nicht völlig Unrecht tun: 
Immerhin erlaubte er im protestantischen Erfurt die Religionsfreiheit - und dies zu einer Zeit, als es durchaus normal war, dass der jeweilige Herrscher einer Stadt oder Region auch über die Religionszugehörigkeit seiner Einwohner bestimmte. 




Und hier geht es hinab in die Horchgänge:
Gänge tief unter der Festung, die angelegt wurden... ja, zum Horchen!
Auch für eine scheinbar uneinnehmbare Festung bestand die Gefahr eines heimlich gegrabenen unterirdischen Zugangs - die Horchgänge sollten solche heimlichen Minenarbeiten aufspüren.



Luftschächte:


Und noch ein letzter Blick bei einer Tasse Kaffee auf Dom und Severikirche: