Samstag, 1. Dezember 2018

Südafrikanisches Tagebuch

Tag 1

Ankunft Johannesburg "Tambo Airport"

Passkontrolle - Gesundheitsscan, offensichtlich bin ich fieberfrei, gut zu wissen - Kofferausgabe, alles da, prima - das ging schnell.

Erstmal ein kurzer Ausflug nach draußen, Wettercheck, wie heiß ist es? 28 Grad, kühle Brise, nach unserem langen und heißen deutschen Sommer fühle ich mich da im Pullover noch ganz wohl. Na, das passt.

Raucher, die nach langen Flügen nach draußen stürzen, werden enttäuscht - keine Raucherzonen an den Ausgängen, wie man es von europäischen Flughäfen kennt. Nur Verbotsschilder. Die einzige ausgewiesene Raucherzone befindet sich gegenüber, in der prallen Sonne, und erreichbar nur durch Überqueren einer sehr stark befahrenen Straße. Da dürfte manch einer die Erfahrung von "Smoking kills" noch vor dem Anzünden seiner Zigarette machen.

Im Airport noch die Prepaid-Karte fürs Tablet kaufen und Bargeld ziehen. Das heutige Brot und Salz zum "Einzug" ins Ausland.

Am Abend begrüßt mich Südafrika standesgemäß mit einem zweistündigen Loadshedding. Dank an die Guptas und Präsident Zuma. Die Guptas sind untertaucht in Indien, Zuma ist mitsamt AIDS-Dusche zurückgetreten. Der Energieversorger Eskom und mit ihm alle Probleme sind dem Land geblieben.

"Load shedding": Das kurz vorher angekündigte (oder auch nicht) und sich von zu Stadtteil zu Stadtteil vorarbeitende Abschalten des Stroms, Dauer 1-? Stunden, zur Entlastung der Kohlekraftwerke. Auch Straßenbeleuchtung und Ampeln des jeweils abgeschalteten Viertels sind betroffen. Generatoren haben seit Jahren Hochkonjunktur, Taschenlampen, Akkustrahler und Kerzen sind ein Muss. Der Südafrikaner nimmt es gelassen und mit viel schwarzem Humor.

"Zumas Dusche": Vor einigen Jahren behauptete Präsident Zuma allen Ernstes, eine Dusche nach ungeschütztem Sex sei als Schutz gegen AIDS vollauf ausreichend. Seitdem wurde er von Südafrikas Satirikern nur noch mit einer Dusche über seinem Kopf gezeichnet. Andererseits war seine Aussage auch nicht ausgefallener als die der südafrikanischen Gesundheitsministerin, die schon Jahre zuvor behauptet hatte, AIDS sei durch Rote Beete, Zitronensaft und Knoblauch heilbar. Da wir in Deutschland aber immerhin schon eine Ullala Schmidt hatten und heute einen Jens Spahn haben, liegt es mir fern, vor fremden Türen kehren zu wollen.

Pünktlich vor dem Zubettgehen gehen die Lichter wieder an.

Tag 2

Auf Weihnachtsmärkten in Südafrika sucht man Glühwein vergebens. Es vermisst ihn allerdings auch niemand.

Dafür bieten die Märkte Kulinarisches aus aller Welt an, denn alle Welt lebt in Südafrika.

Die ersten Pasteis de Nata außerhalb Portugals, österreichischer Strudel, deutsche Bratwurst, malaiische, indische, griechische, afrikanische Küche, alles dicht nebeneinander und in perfektem Miteinander.

Nein, Eisbein ist nicht typisch deutsche Küche.

Das erste Türchen am mitgebrachten Adventkalender öffnen und später bei frischen Erdbeeren mit Schlagsahne den Weihnachts- und Wochenmarktmarkt unter einem schattenspenden Baum sitzend genießen. Südafrika eben.

Im Grunde gibt es nichts, was man bei Südafrikas Straßenhändlern nicht vom Auto heraus kaufen kann.

Tanzeinlagen sind neu. Drei Männer mit drei Bierkästen führen an einer Ampelkreuzung vor den wartenden Autos eine durchaus gut choreografierten und ca. 20 Sekunden dauernde Tanzeinlage auf, um dann vor dem Wechsel auf grün schnell von den Fahrern ihr Honorar einzusammeln.

Die Weite dieses Landes ist für einen Europäer immer wieder atemberaubend.

Die Beschränkung des Einzelnen durch selbst errichtete Mauern, Elektrozäune, Alarmanlagen und Vergitterungen ist für einen Europäer inzwischen weniger befremdlich als ein bitterer Vorgeschmack auf Entwicklungen auch im jeweils eigenen Land.

Die Vorstellungen mancher südafrikanischer Restaurants über ein "light meal" (leichte Mahlzeit) decken sich nicht mit meinen.

Mittagessen in einem Baumhaus ist eine feine Sache.


Ein Drugstore mit 4 (vier) langen Regalreihen voller Nahrungsergänzungsmittel. Und ich dachte immer, Deutschland wäre Spitzenreiter unter den Gesundheitsaposteln, wenn ein größerer DM-Markt eine volle Regalwand aufzuweisen hat.

Eine Packung mit Namen "Brain Fuel" hätte ich gerne in die USA geschickt, Adresse "Weißes Haus, Donald Trump, persönlich". Aber vielleicht sollte man lieber Großpackungen an seine Wähler verteilen.

Abends wieder Loadshedding, dankenswerterweise nur eine Stunde heute.

Die perfekte Methode gefunden, einer störenden Mücke im Schlafzimmer ohne viel Aufwand den Garaus zu bereiten: Licht aus, Tablet flach hinlegen und einschalten. Die Mücke fliegt aufs Tablet als einziger Lichtquelle. Taschentuch draufpatschen. Mücke kaputt, Schlaf gesichert.

Tag 3 - 5 

Einen Sternenhimmel wie auf meinem Balkon in den Drakensbergen habe ich bisher nur einmal in meinem Leben gesehen, und auch das war in Südafrika; vor vielen Jahren während einer Übernachtung mitten im Karoo. Da werden auch vermeintlich große Probleme ganz klein. Was für ein Wunder uns Europäern doch durch unsere Lichtverschmutzung entgeht.

Dafür sind wir vorneweg bei Dieselfahrverboten und der erzwungenen Ausmusterung der fahrenden Luftverschmutzer. Die tuckern nun munter durch Afrika. Aber Hauptsache, die eigene Luft bleibt sauber.

Das tägliche unvermutete "load shedding" bringt auch den eingefleischtesten Prokrastinateur auf Trab: Erledige die Dinge sofort, oder Eskom schaltet dir den Strom ab, wenn du dich endlich aufgerafft hast.

Aufladbare Laternen haben Hochkonjunktur.

In Südafrika gibt es nur zweilagiges Toilettenpapier. Einlagiges in öffentlichen Gebäuden. Das ist kein Spaß.

Zirpende Grillen vor deiner Lodge sind eine beruhigende Nachtmusik.
Eine zirpende Grille in deinem Schlafraum ist das Inferno.

Zwei Stunden und länger mit dem Auto durch nichts als Landschaft fahren.


Vegetarier haben in diesem Land eigentlich keine Chance. Aber wer die endlosen Weiten sieht, in denen sich Kühe, Ziegen und Schafe frei bewegen können, dem wird klar, dass nicht der Fleischverzehr, sondern die entsetzliche westliche Massentierhaltung in all ihren Auswüchsen das eigentliche Problem ist.


Natürlich ist in Südafrika vieles im Argen, was die medizinische und andere Versorgung angeht. Um Schönfärberei geht es mir nicht. Aber bei einem privaten Besuch in einem (übrigens "nur" durchschnittlichen, was die Kosten angeht) Altersheim erlebe ich wieder etwas, was uns in Deutschland inzwischen fast völlig abgeht:
Mehr als ausreichendes und gut geschultes Personal, das seine Arbeit gerne und mit Liebe tut, weil für alle Heimbewohner Zeit bleibt - für ein Handhalten, für ein Gespräch, für Hilfe beim Essen, für ein aufmunterndes Wort.

Armes Deutschland, wenn ich sehe, wie du mit deinen Alten umgehst.

Meine Heimatstadt hat vor 2 Jahren ein gigantisches neues Einkaufscenter erhalten. Es ist so riesig, dass es fast in die Kundentoiletten eines mittelgroßen südafrikanischen Einkaufscenters hineinpasst.

Tag 6 - 8

Wenn du "nach Hause"  kommst und dich auf eine heiße Dusche und einen Kaffee freust... und feststellst: It's load shedding time again."

Wenn du dich umsiehst und dir plötzlich der Gedanke kommt "Heute in einer Woche wird das alles tausende Kilometer entfernt sein." Manchmal hat unser Leben surreale Proportionen.

Unsere Lodge in den Drakensbergen ist mehr als nur "jwd". Nach Verlassen des Highways geht es noch mal eine halbe Stunde lang über "dirt roads", ehe man endlich sein Ziel erreicht hat. Manchmal dauert es noch länger, weil man im Stau steht. Aber man kann die Kuh-, Schaf- oder Ziegenherden ja schlecht über den Haufen fahren.

Für ein Stadtkind aus dem quirligen Europa ist es ein heftiges Zurückgeworfenwerden auf sich selbst: Kein TV, kein Radio, nur ganz viel Stille am Abend in der eigenen "Hütte". Man muss sich halbwegs mögen, um das auszuhalten.

Die Betreiber der Lodge kommen aus Köln. Andrew war IT-ler mit südafrikanischen Wurzeln, Conny Personalsachbearbeiterin, bis beide ihre stressigen Bürojobs an den Nagel hingen und eine Farm in Südafrika kauften, die sie in den letzten 18 Jahren in das Kleinod verwandelt haben, das wir heute vorfinden. Hut ab!

Holzkonstuktionen à la Andrew sind eigenwillig und künstlerisch zugleich, egal ob es sich um Möbel, Türen, Fenster oder Schließmechanismen handelt.

So ein Frühstück muss man lieben: Selbstgebackenes Brot, Marmelade und Butter aus eigener Herstellung, Milch, Eier und Obst aus eigener "Ernte".

Wir müssen bremsen, weil plötzlich ein paar Affen die Straße überqueren. Ganz wie in Deutschland, nur tragen sie dort gerade Winterkleidung.

Frauen auf dem Weg heimwärts, mit bis zum Rand gefüllten Wasserkanistern auf ihren Köpfen balancierend. Kein fließendes Wasser im Haus, ja, nicht einmal Trinkwasser in greifbarer Nähe. Es muss täglich mühsam angeschleppt werden. Unvorstellbar. Zumindest für uns.

Die uralte TV-Serie "Unsere kleine Farm" ist bis heute schön anzusehen. Viele Geschichten sind heute so lustig oder spannend wie früher. Haben wir uns nicht alle damals gelegentlich auf die "kleine Farm" gewünscht?

Gerade heute wieder ist mir aber so recht klargeworden, dass ich Stadtkind und Spinnenphobiker bin.

Eine Auszeit in völliger Ruhe ist toll.
Eine ständige Auszeit von der Stadt könnte ich mir nicht vorstellen.
Immerhin heißt es ja "himmlische Ruhe", und mit dem Himmel, so ich mich denn überhaupt qualifiziere, was ich manchmal betrübt bezweifle, möchte ich mir eigentlich noch etwas Zeit lassen.

Und solange ich beim Anblick einer dicken, fetten, schwarzen Spinne neben meinem Bett in panische Schockstarre verfalle und eine Freundin samt Schuh um Hilfe rufen muss, ist Farmleben auf Dauer einfach nicht das richtige für mich.

Letztes Jahr auf einem Weihnachtsmarkt für wohltätige Zwecke an einem Trödelstand ein kleines Porzellandöschen mit Reliefauflage von Wedgewood gekauft. Jetzt in Südafrika auf einem Trödelverkauf im Hinterland das Tellerchen als Äquivalent bekommen. Manche Zufälle kann man sich nicht ausdenken.

Mandela Capture Site.  Ein beeindruckendes Kunstwerk im freien Feld und eine beeindruckende Tour durch Mandelas Leben - ein Versuch, diesem Mann gerecht zu werden.


Ein Kaffeebecher, der dort verkauft wird, stimmt mich nachdenklich. Auf ihm stehen Worte wie Respekt, Gleichheit, Vergeben, Erinnern... Alles aus dem Wortschatz Mandelas, mit denen er Hass, Rachegelüsten und Überlegenheitsdenken eine Absage erteilt hat. In den USA hat man Trump gewählt.

In Südafrika gibt es Waldgebiete, dass sich jeder Schwarzwälder zu Hause fühlen kann.

Heidelberg liegt in Südafrika.

Wenn jemand euch ein Mitbringsel aus Südafrika schenkt, auf dem ihr den Namen Woolworths entdeckt, so haltet ihn nicht für einen billigen Jakob. Woolworths Südafrika hat nichts mit der deutschen Resterampe zu tun, sondern ist tatsächlich eine der hochklassigsten (und -preisigsten) Ladenketten des Landes, in dem es von allem nur das beste gibt.

Tanken ist hier noch Service, Selbstbedienung ein Fremdwort. Tanken, Kühlwasser nachfüllen, Ölstand prüfen, Scheiben putzen - alles erledigt der Tankwart. Daran kann ich mich zuletzt als Kind erinnern, unterwegs mit den Eltern.

Es ist immer wieder schön, wenn zwei LKW mit ungefähr gleicher Geschwindigkeitskapazität einander auf zweispurigem Highway 5 Minuten lang zu überholen suchen. Wahrscheinlich schaut irgendwann einer in den Rückspiegel und denkt sich "Ganz schöner Stau da hinten, gut, dass ich da nicht drinstecke."

Seit 5 Tagen im Mini Cooper im afrikanischen Hinterland unterwegs. Problemfrei. In deutschen Groß- und Kleinstädten fahren SUVs.

Einkaufstour zum Wochenende. Mindestens 15 Afrikaner drängen sich im offenen, hinteren Teil des Pick-ups (in Südafrika nennt man diesen Wagentyp einen Bakkie) zusammen. Ich würde gerne mal das Gesicht eines deutschen Autobahnpolizisten bei einem solchen Anblick sehen.


1 Kommentar:

  1. Klasse geschrieben! Vielen Dank. Ich freue mich auf die Fortsetzung!
    Bei den Tänzern hatte ich sofort die Gum Boots vor Augen, eine grandiose südafrikanische schwarze Tanztruppe, die mal in Berlin aufgetreten ist.

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