Sonntag, 3. Juni 2018

Kardinäle, Komiker und Kommunion - oder: Die Sache mit der Oblate

Vor wenigen Wochen auf dem Katholikentag klamaukte ein Komiker gegenüber einem Kardinal, er wolle doch bitteschön auch eine "Oblate", wenn er als Evangele seine katholische Ehefrau zur Messe beleite, denn schließlich habe er qua (gemeinsam veranschlagter) Kirchensteuer ja dafür bezahlt.

Naja. Auch ein Komiker ist eben manchmal nur ein Narr.

Das vorwiegend katholische Publikum soll übrigens begeistert applaudiert haben.

Diese Narretei eines Evangelen ist jedenfalls allemal leichter wegzustecken als der katholische Jubel über eine Aussage, die einen - den! - Grundpfeiler des eigenen Glaubens verhöhnt.

Das Ziel der "Oblatenattacke", Kardinal Woelki aus Köln, soll gefasst, aber zutiefst verletzt gewirkt haben. Man mag sich fragen, ob es die Reaktion auf den dummdreist daherkommenden "Komiker" war, oder doch eher auf die Jubel- und Schenkelklopferaktion seiner katholischen Glaubensbrüder und - schwestern.

Seine Antwort, sachlich-ruhig, lautete jedenfalls:
"Ich würde nie von einer Oblate sprechen. Die Verwendung dieses Begriffs zeigt, dass wir beide etwas ganz anderes darunter verstehen."
Auf diese Antwort komme ich später noch einmal zurück.

Manchmal liegt in sachlichen Sätzen mehr Schärfe und Tadel als in jeder beleidigt-aufgeregten Replik, welche die Narren nur zu weiterem Spott anreizt.
"Es ist aber auch zu dumm mit unserer rückständigen katholischen Kirche!",
scheinen viele Katholen heutzutage zu denken.

Nein, ich werde jetzt nicht böse und überheblich auf meine katholischen Mitmenschen einschlagen. Wir unterliegen alle täglich einem Trommelfeuer der Beeinflussungen aller Couleur: Werden uns Wertungen nur oft genug vorgetragen, müssen wir uns das als einen Dauer"beschuss" gezielter Meinungsmache vorstellen.

Finden sich solche Wertungen dann eines schönen Tages ganz oben auf der mitmenschlichen Applausskala - ja, dann geht im gegenseitigen Schulterkopfen darüber, es den "anderen" (sprich: den Dummen) wieder einmal gezeigt zu haben, der Wille zur Infragestellung solch allgemeiner "Wahrheiten" auf dem wohlig-warmen Plüschsofa des Einheitsdenkens sehr leicht unter.

Letztens gab es eine Fortsetzung zum Oblatenthema:

Oblaten für alle!

Auf der einen Seite gab es jene Kirchenoberen, die eine Teilnahme an der Eucharistie für evangelische Ehepartner als Einzel- und Gewissensentscheidung der Betroffenen und eines Pfarrers/Seelsorgers zur Disposition gestellt sehen wollten. Heißt: Wenn die evangelischen Ehepartner den Glauben der katholischen Kirche bejahen und eine tiefe Sehnsucht nach dem Empfang der Euchastie haben, dann sollen sie diese auch erhalten.  (Anm.: ich drücke mich hier bewusst vereinfacht aus, denn eine theologische Diskussion anstoßen zu wollen, liegt mir fern).

Doch muss man sich nicht fragen: Wenn sie den Glauben der katholischen Kirche bejahen und sich aus diesem Glauben heraus nach der Eucharistie sehnen, haben sie den evangelischen Glauben bereits abgelegt, mit dem das katholische Eucharistieverständnis nicht vereinbar ist. Warum also nicht den einzig logischen Schritt tun und in die katholische Kirche eintreten?

Doch auch hier nur wieder:
"Applaus! Applaus!"
ruft die katholische Mehrheit. Endlich ein Ende der unbarmherzigen Haltung der katholischen "Kirchenfürsten"!

Auf der anderen Seite gab es die sieben Absender (unter ihnen Kardinal Woelki) eines Briefes an  den Vatikan, in dem um eine Klarstellung gebeten wurde, ob eine solche Entscheidung durch die Bischofskonferenz anhand einer Zwei-Drittel-Mehrheit überhaupt hätte getroffen werden dürfen.

Dieser Brief wurde den sieben Unterzeichnern als Meuterei und Hinterlist ausgelegt. Das aufgeklärte Kirchenvolk schaute mehr oder weniger verächtlich auf dieses Grüppchen ewig Gestriger, die ja doch in Wahrheit nur ihre eigene Machtfülle schwinden sahen.

Warum der Applaus über die Barmherzigkeitsreformer, und warum die Verachtung der angeblich unbarmherzigen Macht-Männer?

Wieder kann ich die Erklärung nur finden in der erfolgreichen Meinungs(ver-)formung der Massen.

Denn eigentlich ist doch alles ganz anders...

Wie hatte Kardinal Woelki noch unserem Klamaukanten geantwortet:
"Ich würde nie von einer Oblate sprechen. Die Verwendung dieses Begriffs zeigt, dass wir beide etwas ganz anderes darunter verstehen."
Genau. Das ist der Punkt. Wir beide - also die Katholen und die Evangelen - verstehen etwas ganz anderes unter dem, was wir Katholen "Eucharistie" und die Evangelen "Abendmahl" nennen. Und weil die Eucharistie für uns Katholen einen so ungeheuren Mehr-Wert hat über dem, was Evangelen im Abendmahl feiern, muss dieses so unendlich Heilige geschützt werden vor einer "Wer hat noch nicht, wer will noch mal?"-Profanisierung, die jedem aufstampfenden "Ich will aber; schließlich hab' ich dafür bezahlt!"-Tölpel seine Oblate in die ungewaschenen Finger drückt.

Jeder Kathole könnte - MÜSSTE! - das wissen. Denn jeder Kathole sollte so weit über seinen Glauben Bescheid wissen, dass ihm die Heiligkeit der "Oblate" bewusst ist.

Dass es nicht so ist, und dass sich die Mehrheit der Katholiken in Deutschland einen Teufel darum schert, sich über ihren Glauben zu informieren - das beweisen Jubel und Applaus im Angesicht von Verhöhnung und Unkenntlichmachung dieses Glaubens. Sie denken nicht - sie lassen denken.

Zur Erklärung der Bedeutung der Eucharistie möchte ich einen Link einstellen, zur Predigt Kardinal Woelkis zum diesjährigen Fronleichnamsfest - die Rede dauert eine Viertelstunde. Ich wünschte mir, alle die Jubler und Applaudierer hätten sie gehört, oder würden sich jetzt diese Viertelstunde nehmen, sie noch anzuhören - mit einem offenen Herzen und einem wachen Verstand:

Fronleichnam 2018 - Predigt Kardinal Woelki in Köln

ie Verwendung dieses Begriffs zeigt, dass wir beide etwas ganz anderes darunter verstehen
die Verwendung dieses Begriffs zeigt, dass wir beide etwas ganz anderes darunter verstehen
die Verwendung dieses Begriffs zeigt, dass wir beide etwas ganz anderes darunter verstehen

Freitag, 25. Mai 2018

"Damals waren es nur die Juden."

Hier sitze ich seit einer halben Stunde vor einer weißen Seite und frage mich:
"Kannst du - WILLST du - solchem Dreck hier eine Platform geben?"
Aber das ist Unsinn, denn dieser Dreck HAT ja längst seine Platformen: In den Kommentarspalten der Onlinemedien und in den Köpfen meiner Mitmenschen in Deutschland.

War ich so naiv? Hatte ich denn nicht gewusst, dass es in Deutschland Rassismus und auch bis heute noch Judenfeindlichkeit gibt?

Natürlich war mir das bewusst. Naiv war ich jedoch bis heute gegenüber Verbreitung und Ausmaß.

Zum Hintergrund:

In Dresden wurde gestern eine Fliegerbombe aus dem 2. Weltkrieg entschärft. Dabei war es zu einer Teil-Detonation gekommen, und das war den diversen Newsportalen natürlich einen Bericht wert.

Die Kommentarspalte einer bekannten Nachrichtenseite machte dabei eine rasante Entwicklung durch: Nach kurzfristigen technischen Diskussionen sowie Erörterungen zur Rechtmäßigkeit der Bombardierung Dresdens stand schnell die Frage im Raum:
"Wer war Schuld am 2. Weltkrieg?"
Die nächste Frage war dann folgerichtig:
"Wer ist heute Schuld an allem?"
Und die immer wieder in den verschiedensten Verbrämungen auftauchende Antwort war:
"Damals waren es nur die Juden. Heute sind es die Juden, Moslems und Ni***er."
Ja, natürlich: Es gab auch sachliche Kommentare, ebenso Widerspruch. Aber als ich abends noch einmal in den Kommentarthread schaute, war dieser aufgrund vielfacher Hasskommentare gesperrt worden. Die knapp 150 bis dahin geposteten Kommentare bestanden zu gut einer Hälfte nur noch aus dem Vermerk, dass besagter Beitrag vom Betreiber gelöscht worden sei.

Den schlimmsten Beitrag dieser Sorte hatte ich selbst gemeldet. Aber ich hatte ihn auch abkopiert (er wurde von den Admins der Seite entfernt).

Warum habe ich etwas derart Brechreizerregendes kopiert, und warum werde ich es hier (leicht zensiert) gleich wiedergeben?

1) Weil dieser Beitrag unwidersprochen geblieben ist. Es werden ihn sicher - hoffe ich - außer mir noch andere gemeldet haben, aber die allgemeine Diskussion ging auch nach dieser Zäsur des Hasses unbeeinflusst weiter.

2) Weil der Kommentar zwar herausstand in seiner an Widerlichkeit schwer zu überbietenden Sprache, jedoch von Inhalt und Einstellung des Schreibenden her durchaus für rund 50% der restlichen Kommentare sprach.

Sicher, ich kann mir diesen Kommentar und alle anderen zu diesem Beitrag "schönreden".

Ich kann mir sagen, dass solche Threads nicht repräsentativ sind, weil sich gerade auf solch anonymen Platformen die seelisch Hässlichen tummeln und austoben.

Ich kann mich über die grottige Rechtschreibung und somit schlechte Bildung der Hasskappen amüsieren und sie damit zu einer minderbemittelten Minderheit erklären.

Wenn ich länger darüber nachdächte, fielen mir sicherlich noch einige weitere Argumente ein, weshalb dieser und die anderen Kommentare zwar schlimm waren, aber gleichzeitig eben doch nur eine Randerscheinung.

Ein paare wenige dumme Hasskappen - meine Güte, damit muss jedes Land nun einmal leben.

Aber das "Schönreden" funktioniert nicht. 

Auch wenn die Kommentare nicht repräsentativ sind - die schiere Anzahl lässt einen Schluss darauf zu, wie flächenbrandartig sich der Hass immer noch und wieder durch unser Land frisst.

Die offensichtlich schlechte Bildung vieler - aber beileibe nicht aller - Hasskappen muss Grund zur Sorge sein, nicht zur Selbstberuhigung: Es läuft eine Menge Unbildung und Halbbildung durch unser Land, und sie ist heute offensichtlich so anfällig für billige Schuldzuweisungen wie "damals".

Angst. Trauer. Und ein wenig Resignation. 

Das bestimmt meine augenblickliche Stimmungslage, wenn ich auf meine Mitmenschen in diesem Land schaue.

Nachstehend noch der auslösende und leicht gekürzte und zensierte Kommentar:


"Fakt ist ein jedes Land ist Nazionalsozialistisch, zudem waren die Juden diejenigen die gelogen und betrogen haben. Und zwar jeden. Hinzu kommen die Pädophilen Schweinereien der Juden. Die Beschneidung von Säuglingen. Was macht der Mohel ( der Mohel ist der jüdische Beschneider )nach der Beschneidung? Dieses Penislutschen haben die Juden anno 2014 in New York Juristisch durchgesetzt. Pädophilie im Namen der Religion. Ich möchte sie alle mal sehen und hören wenn ihnen durch Manipulation von Akten, Manipulation von Menschen, Prozessbetrug, gekauften Zeugen die Existenz (Arbeit, Wohnung, Freunde etc.) genommen wird. So, genauso verfahren Juden, Moslems und Ni***r [Anm.: vom Blogger zensiert] momentan in Deutschland. Wir haben im moment dieselbe Situation wie im Dritten Reich. Damals waren es nur die Juden. Heute? Juden, Moslems und Ni***r [Anm.: vom Blogger zensiert] begehen dieselben Verbrechen wie die Juden in den 1930er jahren, sie schleichen sich mit gefälschten Papieren in Ämter, Vergewaltigen unsere Frauen und Kinder, prügeln unsere Rentner ins Krankenhaus, wenn nicht sogar ins Grab. Schlicht und ergreifend sind die Juden die Verursacher des WW2. Wenn die Juden nur halb so Aufrecht, Ehrlich und Anständig gewesen wären wie die Deutschen damals, WW2 hätte es nie gegeben. Jetzt dasselbe, die Juden, Ni***r [Anm.: vom Blogger zensiert] und Moslems machen uns Deutsche dafür verantwortlich das sie Verbrecher sind. Jeder der Migranten macht uns für ihre Verbrechen verantwortlich. Jeder Vergewaltiger, Mörder, Totschläger der vor Gericht steht ist seine Situation selbst Schuld. Er steht nicht vor Gericht weil die Polizei ermittelt und der Staatsanwalt anklagt, er steht vor Gericht weil Straftaten, oder Verbrechen begangen hat. Auch Merkel gehört vor ein Gericht gestellt, sie hat diese Massenimmigration verursacht, gefördert und herbeigeführt. Hooton Plan. "Wie lasse ich ein Volk verschwinden". Dieser Plan stammt von Hooton, Morgenthau, Kaufmann und Kalergie."

Mittwoch, 18. April 2018

Deutsche Bahn - Hilfe für Behinderte? Denkste!

Um es gleich vorweg zu schicken:

Ich werde diesen Beitrag an die Bahn schicken, auf der Facebook-Seite der Bahn teilen, an unsere Lokalredaktion weiterleiten, und ich bin froh um jeden Tipp, wer sich noch für diese Geschichte interessieren könnte. Denn:

Ich möchte, das die Behandlung behinderter Menschen bei der Deutschen Bahn öffentlich wird.

Von Anfang an:

Am Nachmittag stieg ich zwei Haltestellen vor der Endstation in den Zug, der von Köln nach Mönchengladbach fährt. Eine alte Dame saß darin, mit Koffer, Taststock und einer Plakette, die sie als sehbehindert auswies. Sie fragte mich, ob das denn wirklich der Zug nach Aachen sei.

Sie kannte sich in unserer Region nicht aus und hatte deshalb mit den Namen all der vorigen Stationen nichts anfangen können. In Köln hatte sie umsteigen müssen, aber dort sei aufgrund vieler Verspätungen ein großes Chaos gewesen. Sie habe an dem Gleis, das man ihr genannt hatte, die Bahnangestelte noch gefragt, ob das auch sicher der Zug nach Aachen sei. Diese habe das bejaht und gemeint, sie solle einsteigen.

Und nun stand die Frau also in Rheydt, einem Stadtteil von Mönchengladbach, und musste eigentlich über Aachen nach Stolberg, wo sie am Bahnhof erwartet wurde. Ihre Leute in Stolberg waren mit der Situation wohl auch überfordert und konnten nicht weiterhelfen. Ich war mit ihr ausgestiegen und wollte sehen, dass sie diesmal in den richtigen Zug einstieg. Züge nach Aachen gab es ab Rheydt, das wusste ich. Aber fuhren die auch über Stolberg? Oder musste sie umsteigen - und wenn ja: Wo?

Wie das immer so ist in solchen Situationen: Natürlich ist der Rheydter Bahnhof und seine Umgebung eines der berühmten "Funklöcher", so dass mein Smartphone keine Infos downloaden wollte. Aber ich wusste, dass sich unten im maroden Bahnhofsgebäude eine "DB Agentur" befand. Die bestand zwar nur aus einem "Kabuff" mit gläsernem Sprechfenster à la "zurück in die 1970er Jahre", aber immerhin saß ein Mensch darin, der sicher weiterhelfen konnte. Also ließ ich die alte Dame auf dem Bahnsteig zurück und versprach ihr, in ein paar Minuten mit den nötigen Informationen zurückzukommen.

Der Mensch, also die Frau - die "Dame" verkneife ich mir - schaute kurz aber desinteressiert hoch, als ich an den Schalter trat. Ich sagte, ich hätte da einen Notfall mit einer sehbehinderten älteren Dame und schilderte das Problem. Folgender Dialog entspann sich:

"Ich kann Ihnen da nicht helfen. Kann auch gerade nichts ausdrucken."

"Hören Sie, da oben steht eine fast blinde alte Dame, die nach Stolberg muss und von Ihren Leuten in Köln in den falschen Zug gesetzt wurde und deshalb jetzt hier auf dem Bahnsteig steht. Es muss doch für Sie eine Möglichkeit geben, da zu helfen!"

"Da hinten steht der Fahrkartenautomat - da können Sie ihr ja eine Verbindung ausdrucken."

"Das ist jetzt nicht ihr Ernst, oder?"

"Ich kann da nichts tun."

"Ja, danke, das sagten sie schon."

Ich ging zum Fahrkartenautomaten. Das war sinnfrei, wie mir vorher schon klar war - sicher, man kann eine Verbindung ausdrucken. Aber diese Minikärtchen geben keine Informationen zu den Umstiegen: Sie zeigen an, DASS man umsteigen muss, aber nicht WO, und sie geben auch keine Anschlusszeiten oder gar Gleisnummern. Was nutzte das? Nichts.

Frustriert ging ich zum Schalter zurück - ich wollte, dass man hier jetzt half; mit einer handfesten Information, und wenn das nicht möglich war, dann sollte die Frau eben jemanden anrufen, der helfen konnte.

Am Schalter stellte ich fest, dass - nennen wir sie einmal "Frau Hilfreich" - inzwischen das Sprechfensterchen geschlossen hatte. Sie saß zwar immer noch da und tat beschäftigt, aber mit mir reden wollte sie offensichtlich nicht mehr. Meine Nachfragen ignorierte sie.

Als ich zurück zum Bahnsteig kam, hatte sich zum Glück eine junge Dame gefunden, die mittels Tablet die Informationen aufgerufen hatte, die mein Smartphone vorher nicht hatte hergeben wollen. Wir wussten nun, welchen Zug die alte Dame nehmen und wo sie umsteigen musste. Begleiten konnten wir sie nicht - ich hoffe, sie ist inzwischen wohlbehalten angekommen.

Der Deutschen Bahn möchte ich abschließend nur noch folgenden Kommentar zurufen:

BRAVO!


Samstag, 10. März 2018

Sprache - rechtsfrei

Heute benutzte ich das Wort "Antifanten". Ich wurde gerügt. Ob ich wisse, dass dieser Ausdruck von der AfD genutzt werde.

Ich verteidigte mich. Denn das Wort ist viel älter als die AfD. Tatsächlich erinnere ich mich an Leute aus Antifa-Kreisen, die so relaxed waren, dass sie sich selbst so bezeichneten. (Ja, liebe Kinder, solche Zeiten gab es.)

Doch ich ging in mich, und ich erkannte:

Das Vokabular von Rechts musste verpönt und gemieden werden. Meine Sprache sollte rechtsfrei werden.

Also studierte ich die Reden und Schriften von Rechts und suchte nach einem Weg, rechte Wortvorlieben zu erkennen.

Ich entschied, es müsse eine gewisse Regelmäßigkeit erkennbar sein. Nur, weil ein AfD'ler ein einziges Mal das Wort "Ficki-Ficki-Anleitungs-TV" in den Mund genommen hatte, hieß das noch nicht, dass "Ficki-Ficki" ein rechtes Alleinstellungsmerkmal war.

Ich stellte dagegen eine große Regelmäßigkeit im Gebrauch des Wortes "Freunde" fest: Ich hatte mein erstes rechtes Wort gefunden.

Nun, meine lieben mir nahestenden Menschen, der Anfang war gemacht und ich fühlte mich gleich ein wenig unrechter.

Dann war da "Deutschland" - ein Wort, das in fast jedem zweiten oder dritten Satz vorkam. Ha! Der nächste Fund.

Und dann ging es Schlag auf Schlag: "Staat" "Regierung" "Land" "Volk" "Zukunft" "Kinder" "Frauen" "Männer" - rechts! rechts! rechts!

Allerdings fand ich noch einige andere, kleine und bisher auf arglistige Weise harmlos dahergekommene Wörter, die in rechter Rede jedoch in fast keinem Satz zu fehlen schienen und so ihre Bösartigkeit offenbarten:

"ich" "wir" "nein" "und"

Das rechte "und" stellte mich vor Probleme. Wie sollte man dieses Wörtchen meiden, das sich auf so teuflische Weise als scheinbar unersetzbar in unsere arglose Sprache eingeschlichen hatte? Doch wie einfach war die Lösung: Es war durch ein "+" zu ersetzten.

Kurz stutzte meiner Einer: Eröffneten unsereiner damit nicht gleich das nächste, diesmal christliche Fass? Mitnichten, entschied meiner Einer; das Kreuz des "+" müssen unsereiner auf uns nehmen.

Ja, nun ist sie rechtsfrei, meine Sprache, + meiner Einer kann erhobenen Hauptes durch die Straßen dieses durch Grenzen definierte Teilstück eines Kontinents gehen + sich dabei mit jenen aufrechten Menschen beiderlei Geschlechts vereint wissen, denen darum zu tun ist, die kleinen Menschen in einer Zeit jenseits der Gegenwart vor Rechts zu schützen.

░░░░░░░░░░░░░░░░░░░░░░░░░░░░░░░░░

Ja, liebe Kämpfer gegen Rechts - ihr habt durchaus meine Sympathie, und ganz sicher unterstelle ich euch die allerbesten Motive. Nur behaltet bitte eines im Auge: Auch der Kampf gegen die französische Ständeherrschaft begann mit den allerbesten Motiven - und dann errichteten die Jakobiner die Guillotinen, und der Absolutismus des Adels wurde ersetzt durch den Absolutismus der Selbstgerechtigkeit.
 


Der Duft der Bücher

"Die Nase ins Buch stecken", so sagt man, wenn ein Mensch liest.

Aber steckt ihr manchmal auch so richtig, also ganz wörtlich, die Nase in ein Buch?

Gestern Abend hatte ich mir den Stapel noch ungelesener Bücher vom Regal geholt, um zu entscheiden, welches mich am nächsten Morgen als Lektüre zum Friseur begleiten würde. Und dabei ertappte ich mich, wie ich nicht nur die Innenseiten der Schutzumschläge las, sondern auch in jedes Buch die Nase steckte und tief einatmete.

Dabei fiel mir ein, dass ich diesen "Tick" von meiner Mutter geerbt hatte. Ich erinnerte mich, wie sie mir irgendwann vor vielen Jahren erzählte, so habe sie schon als Kind jedes neue Buch beim ersten Aufschlagen erkundet.

Ich liebe gute und ausgefallene Parfums und habe eine ganze Sammlung davon. Aber zum ersten Mal in ein neues Buch hineinzuschnuppern - das ist ungeschlagen das beste Parfum der Welt!

Und alle duften anders - je nachdem, ob es sich um einen Krimi, um eine Liebesgeschichte oder um einen Bildband von Rom handelt..... Gut, in Wirklichkeit sind es natürlich Papier, Druckerfarbe, Verarbeitung usw., die für die unterschiedlichen Buchdüfte verantwortlich sind. Aber man weiß ja nie, wie viel Einfluss der geistige Inhalt eines Buches auf die feine Nase einer Leseratte nimmt, nicht wahr?

Ein ganz besonderes Erlebnis stellt natürlich das aufwendig gearbeitete Buch dar - womöglich in Leder oder Leinen gefasst, mit Fadenbindung und gutem, festen Papier. Das ist nicht nur ein Duft- sondern auch ein haptisches Erlebnis. Solch ein Buch möchte man streicheln und ihm zuflüstern
"Erzähl' mir eine Geschichte!"
Eine andere, ganz besondere Spezies sind die alten, schon vielfach gelesenen Bücher. Im Gegensatz zu neuen Büchern sind sie Geschichte umrankt von Geschichten:

Lieblingsstellen mit Eselsohren markiert. Oder hier, der zerrissene Einband - Krallenspuren eines längst verstorbenen Missetäters. Kaffeeflecken, oder war das noch während meiner Teephase? Die paar alten Bücher aus der Sammlung meines Großvaters, ein ganz besonderer Schatz. Und natürlich die auf Antiquariaten gekauften Schätzchen, manchmal mit Widmungen von Fremden für Fremde, winzige Einblicke in die Leben einer anderen Zeit.

Ein wenig traurig beende ich diesen Blogbeitrag, weil ich mich frage, wie viele - oder wenige - der heutigen Kinder und Jugendlichen noch erfahren dürfen, wie viel mehr ein altmodisches Buch zu geben hat, als ihnen ebooks jemals werden bieten können.

Sonntag, 4. März 2018

Bitte nicht stören!

Stört ihr euch an den vielen Bettlern in unseren Städten?

Nein, wahrscheinlich nicht. Wir haben uns daran gewöhnt, dass sie vor den Läden sitzen, in Hauseingängen, vor und in den Bahnhöfen.

Gelegentlich werfen wir eine Euromünze in den Becher, den einer von ihnen vor sich aufgestellt hat und gehen dann schnell weiter. Fühlen wir uns gut dabei?

Mehr wollen wir mit "denen" jedenfalls nicht zu tun haben. Also gehen wir vorüber, blicken stur geradeaus oder zur anderen Straßenseite.

Und dann kommen wir doch ins Gespräch - so wie damals an einem Heiligabend in der Bahnhofshalle (siehe Blogbeitrag) oder vor wenigen Wochen mit einer Bettlerin in Rom. Und wir stellen fest: Es gibt kein "die" und "wir", denn da, uns gegenüber, steht einfach nur: Ein Mensch. So wie ich einer bin.

Ist das der Grund für unser meist blindes und schnelles Vorübergehen?

Sind sie uns Erinnerung, wie schmal und seicht der Graben geworden ist, der heute uns Normalbürger vom Almosenempfänger trennt?

Vielleicht tragen wir deshalb alle einen unsichtbaren Schild vor uns uns her, auf dem steht:
"Bitte nicht stören!"
Ob wir es schaffen können, uns gelegentlich doch einmal in unserer ohnehin nicht vorhandenen Sicherheit stören zu lassen?

Nur auf ein Wort? Ein Lächeln?


Sonntag, 25. Februar 2018

Wenn ein Priester die hl. Thérèse von Lisieux missversteht

...dann ist das hundertmal schlimmer, als würde dir oder mir dieser Fehler unterlaufen, denn für uns wäre es nur das eigene Pech, während ein Priester sein Missverstehen an eine ganze versammelte Gemeinde weitergibt, in der viele bei dieser Gelegenheit vielleicht zum ersten Mal von Thérèse von Lisieux hören - und aufgrund seiner Aussagen auch zum letzten Mal. So geschehen gestern Abend:

Bei der ersten Erwähnung der kleinen Thérèse horchte ich erfreut auf - dass sie überhaupt in einer Predigt erwähnt wurde, erlebte ich zum ersten Mal. Doch zu früh gefreut.

Sie habe ja auf ihrer Romreise die damals ganz neue Erfindung namens "Aufzug" kennengelernt. Und statt eines mühseligen Aufstiegs habe sie sich gewünscht, gleichsam wie in einem Aufzug zu Gott zu gelangen. Aber der leichte Weg sei nun einmal für uns Menschen nicht immer auch der Richtige. Wie anders doch die "große" Teresa von Avila, wenn sie von ihrer langen Zeit des Gefühls der völligen Verlassenheit von Gott berichtet, und wie sich später gerade diese schwere Zeit für sie als die Wichtigste auf ihrem Weg zu Gott herausstellte.

Dazu ließe sich sehr viel sagen, aber ich will versuchen, mich kurz zu fassen:

Erstens hätte man erwähnen müssen, dass es sich bei der Romreise keineswegs um eine Vergnügungsreise handelte, sondern dass Thérèse mit ihrem Vater nach Rom kam, um beim Papst die Erlaubnis zu erbitten, mit ihren gerade einmal 15 Jahren in den Karmel aufgenommen zu werden.

Auch Thérèse blieb nicht von einer Zeit des Gefühls der völligen Gottverlassenheit verschont, wie ihre Aufzeichnungen zeigen. Tatsächlich scheinen alle Heiligen wenigstens einmal in ihrem Leben eine solche Phase durchgemacht zu haben. Thérèse von Lisieux berichtet ausführlich davon, nennt sie selbst "Die dunkle Nacht".

Doch kommen wir auf den "Aufzug" zurück, mit dem Thérèse zu Gott zu gelangen wünschte. Hat sich Thérèse damit wirklich den leichteren Weg ausgesucht - sozusagen ein himmlisches "Beam me up, Scotty!"?

So kann man wohl argumentieren - allerdings nur, wenn man Thérèse völlig falsch verstanden hat.

Der Aufzug, den sie sich vorstellt, sind Jesu Arme, mit denen Er sie zu sich emporzieht, nachdem es ihr gelungen sein wird, sich als Sein Kind ganz klein gemacht zu haben, getreu dem von ihr zitierten Wort aus den Sprüchen der Bibel:
"Wenn jemand ganz klein ist, dann komme er zu mir."
Sich ganz klein vor Gott gemacht zu haben, was heißt das anders, als alles, wirklich alles in Seine Hände gelegt haben - und alles abgelegt zu haben, was Eigenliebe, Stolz und eigener Wille sind?

Das soll ein leichter Weg sein? Wirklich?