Sonntag, 1. Februar 2015

Was ist er wert, der Mensch?

Die Frage geht mir in letzter Zeit nicht aus dem Kopf. Was ist er wert, der Mensch in der heutigen Zeit?

EINE Antwort zu geben, ist da unmöglich. Aber die verschiedenen Facetten, auf die man bei seiner Suche trifft, geben ein interessantes Gesamtbild:

Alles ist heute relativ. Auch, oder vor allem, der Wert eines Menschen.

23.900 Abtreibungen gab es in Deutschland allein im 3. Quartal 2014, sagt das Statistische Bundesamt. 23.900 Kinder, die niemand wollte, und die deshalb noch vor ihrer Geburt getötet wurden. Oder wie jemand kürzlich in einem Kommentar zu einem anderen Beitrag meines Blogs über sich und seine Freundin bemerkte:
"Wir genießen unser Sexleben in vollen Zügen. Weil kein Verhütungsmittel 100% sicher ist, sind wir froh, ein allenfalls ungewollt gezeugtes Kind abtreiben zu können."

Und der Gegensatz: Das überbehütete Statussymbol 'Kind' mit seinen Helikoptereltern; bewacht, beobachtet, von Termin zu Termin hetzend. Die USA sind Vorreiter im Nanny-Staat, aber Deutschland holt rasant auf.

Alles ist relativ.

In Berlin töten zwei Männer eine Schwangere. Einer ist ihr Ex-Freund, der andere sein "Kumpel". Sie stechen ihr mit einem Messer mehrmals in den Unterleib, übergießen sie mit Benzin, um sie anschließend bei lebendigem Leib zu verbrennen. Die Familie war mit der Freundin nicht einverstanden, und die Familienehre musste daher gerettet werden.

Der Terror"staat" IS entführte bisher tausende Frauen und Mädchen (vor allem Jesidinnen gehören zu den Opfern),  um sie als Sklavinnen zu verkaufen. Oder wie Josef Joffe gerade in der "ZEIT" schrieb:
"Bis Ende August hatte der IS 2.500 Menschen entführt, hauptsächlich Frauen und Mädchen. In Mossul hat der IS ein regelrechtes "Handelskontor" eröffnet. Die "Ware" trägt Preisschilder. Der IS verdient doppelt: am Erlös, dann am politischen Ertrag, geben doch die Frauen einen "Anreiz" für die Kunden her, sich dem IS anzuschließen. Bewährte IS-Soldaten kriegen die schiitischen, jesidischen und christlichen Gefangenen gratis – nach deren erzwungenem Übertritt."
Eine Frau kann wertlos sein, oder auch direkt mit einem Preisschild versehen werden.

Alles ist relativ.

17 Opfer beim Anschlag in Paris. Das muss man nicht verlinken; das ist bekannt, ebenso wie die weltweite Anteilnahme, Staatstrauer, Staatschefs Arm in Arm in einer Seitenstraße, "Je suis Charlie" allerorten.

Fast zeitgleich gibt es tausende Tote in Nigeria, Opfer der Anschläge und Überfälle der Terrorbande "Boko Haram".

Der Unterschied in der öffentlichten Wahrnehmung ist mit zwei Bildern leicht dokumentiert:


Alles ist relativ.

Ein Mann kauft sich in der "Dritten Welt" eine neue Niere. Davon erzählt er in diesem Artikel ganz offen.Der arme Mensch als Ersatzteillager für den Reichen. Wert des Lebens: ca. 30.000,- USD.

Billiger wird es, wenn es nur um den schnellen Termin beim Arzt geht, in der selbstbezahlten "Komfort-Sprechstunde". Wer das Geld hat, kann sich freuen. Wer es nicht hat, muss hoffen, dass er seinen Untersuchungstermin in 3 Monaten noch erlebt.

Alles ist relativ.

Und das ist wohl genau das Problem.

Kommentare:

  1. Ein Text, der sehr nachdenklich macht. Vielen Dank dafür!

    Er geht in der Intensität weit über die Analyse hinaus, die ich vor einiger Zeit mal vorgenommen hatte: https://jobo72.wordpress.com/2013/08/01/4-millionen-fur-5-tage/

    Entscheidend ist wohl, dass der Mensch keinen Wert hat, sondern eine Würde - und ihn das unendlich wertvoll macht. Auch, wenn die Beispiele eine andere Sprache sprechen. Eine ganz andere.

    LG, Josef

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    1. Zum Thema religiöser Gewalt nochmal dieses:
      Im Islam ist die Rede vom "Allerbarmer", im Christentum jene vom "Pontifex maximus", vom obersten(!) Brückenbauer.
      Von der Wortwahl her eigentlich eine schöne Voraussetzung, um als Menschen aufeinander zuzugehen. Es bleibt da allerdings offenkundig noch einiges zu tun...

      Wenn jetzt von islamistischer Seite gräßlichste Gewalt vorgeführt wird, so haben alle Menschen - auch Christen - ein Recht darauf zu fordern, daß sämtliche Grausamkeiten umgehend beendet werden. Das ist ein Menschenrecht, genauso wie unsere reaktiven Gefühle von Wut und Haß. Und wenn Christen fordern, daß keine Christen attackiert werden, so ist das - nun? - ebenfalls ein Menschenrecht.
      Genuin christlich ist das allerdings nicht.
      Christlich wäre es, sich dafür zu interessieren, zu fragen, warum ein anderer Mensch derart böse geworden ist, daß er etwa Anderen Körperteile abhackt. Kein Kind kommt auf die Welt, um seinem Nächsten Körperteile abzuhacken. Irgendetwas ist da fürchterlich schiefgelaufen.
      Und jetzt wird´s sehr schwer, auch für mich selber: Laut Jesuswort befindet sich der "Balken" immer in meinem eigenen Auge, der "Splitter" steckt beim Nächsten drin. Mein "Nächster" ist allerdings nun auch dieser Gewalttäter...
      Der erste Schritt in Richtung Realisierung dieses Jesuswortes wäre wohl eine bescheidenere, demütigere, menschlichere Wortwahl in "christlichen" Foren...

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    2. Ergänzung zum Thema Pegida, Zitat Michael Stürzenberger: "Über seine vielen Auslandsaufenthalte hat er sein eigenes Volk schätzen gelernt. Nur mit dieser Liebe zu sich selbst kann man auch andere lieben. Das gilt für den einzelnen Menschen im persönlichen Umgang mit anderen genauso wie für den Umgang der Deutschen mit anderen Völkern." -

      Daß wir in Deutschland so manche Errungenschaft dankbar wertschätzen dürfen, ist völlig unbenommen.
      Niemals jedoch, niemals wieder, dürfen wir Grundeinsichten der religiösen Existenzphilosophie vermatschen mit auch nur irgendwelchen gruppen - und nationalbezogenen Interessen.
      Die neutestamentliche Reziprozität von der aus der Resonanz mit der absolut liebenden Person Gottes abgeleiteten Selbstakzeptanz und der liebenden Annahme meines Nächsten kann sich nur auf den einzelnen Menschen und sein fühlendes Herz beziehen. "Das Christentum ist die Kategorie des Einzelnen", so definiert es sehr klar Eugen Drewermann.
      Erst aus dieser Selbstakzeptanz heraus wird der Mensch zum Menschen, im besten Fall zum Menschen unter anderen Menschen.

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  2. Zum Thema religiöser Gewalt nochmal dieses:
    Im Islam ist die Rede vom "Allerbarmer", im Christentum jene vom "Pontifex maximus", vom obersten(!) Brückenbauer.
    Von der Wortwahl her eigentlich eine schöne Voraussetzung, um als Menschen aufeinander zuzugehen. Es bleibt da allerdings offenkundig noch einiges zu tun...

    Wenn jetzt von islamistischer Seite gräßlichste Gewalt vorgeführt wird, so haben alle Menschen - auch Christen - ein Recht darauf zu fordern, daß sämtliche Grausamkeiten umgehend beendet werden. Das ist ein Menschenrecht, genauso wie unsere reaktiven Gefühle von Wut und Haß. Und wenn Christen fordern, daß keine Christen attackiert werden, so ist das - nun? - ebenfalls ein Menschenrecht.
    Genuin christlich ist das allerdings nicht.
    Christlich wäre es, sich dafür zu interessieren, zu fragen, warum ein anderer Mensch derart böse geworden ist, daß er etwa Anderen Körperteile abhackt. Kein Kind kommt auf die Welt, um seinem Nächsten Körperteile abzuhacken. Irgendetwas ist da fürchterlich schiefgelaufen.
    Und jetzt wird´s sehr schwer, auch für mich selber: Laut Jesuswort befindet sich der "Balken" immer in meinem eigenen Auge, der "Splitter" steckt beim Nächsten drin. Mein "Nächster" ist allerdings nun auch dieser Gewalttäter...
    Der erste Schritt in Richtung Realisierung dieses Jesuswortes wäre wohl eine bescheidenere, demütigere, menschlichere Wortwahl in "christlichen" Foren...

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    1. Ergänzung zum Thema Pegida, Zitat Michael Stürzenberger: "Über seine vielen Auslandsaufenthalte hat er sein eigenes Volk schätzen gelernt. Nur mit dieser Liebe zu sich selbst kann man auch andere lieben. Das gilt für den einzelnen Menschen im persönlichen Umgang mit anderen genauso wie für den Umgang der Deutschen mit anderen Völkern." -

      Daß wir in Deutschland so manche Errungenschaft dankbar wertschätzen dürfen, ist völlig unbenommen.
      Niemals jedoch, niemals wieder, dürfen wir Grundeinsichten der religiösen Existenzphilosophie vermatschen mit auch nur irgendwelchen gruppen - und nationalbezogenen Interessen.
      Die neutestamentliche Reziprozität von der aus der Resonanz mit der absolut liebenden Person Gottes abgeleiteten Selbstakzeptanz und der liebenden Annahme meines Nächsten kann sich nur auf den einzelnen Menschen und sein fühlendes Herz beziehen. "Das Christentum ist die Kategorie des Einzelnen", so definiert es sehr klar Eugen Drewermann.
      Erst aus dieser Selbstakzeptanz heraus wird der Mensch zum Menschen, im besten Fall zum Menschen unter anderen Menschen.
      Gruß

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