Mittwoch, 21. Mai 2014

Facebook

Zuerst mal: Vielen Dank für euer vielfältiges und durchweg positives Feedback - ich hatte nicht damit gerechnet, dass meine  Ankündigung, mich (erst mal) aus Facebook zurückzuziehen, so viele Reaktionen (auch außerhalb Facebooks) und Rückfragen nach sich ziehen würde.

Warum ich es nicht tat:
Weil ich auf meine FB-Freunde böse oder durch sie genervt bin.
Weil ich sehen wollte, ob ein solcher Rückzug überhaupt jemanden interessiert.

Und zur reinen Sachlage:
Mein Account wird nicht gekündigt.
Meine PNs werden weiter beantwortet (wie gesagt, von denen unterrichtet mich ja lautstark mein Smartphone).
Und es ist durchaus möglich, dass ich die FB-Daddelei letztendlich doch so sehr vermisse, dass ich in einigen Wochen/Monaten wieder zurückkehre.

Zu den Gründen:

Diese sind in der letzten Zeit gewachsen, und zwar als zunehmender Frust über die Oberflächlichkeit Facebooks. (Das ist - dessen bin ich mir bewust - natürlich mein Problem.)

Genauer in Worte und Beispiele gepackt:

Durch Verlinkung oder eigenen Kommentar eines FB-Freundes zu einem Thema scheint eine interessante Diskussion möglich. Doch das jeweilige Posting versinkt binnen (sehr) kurzem in der neu hereinkommenden Datenflut und ist schnell unauffindbar geworden. Und selbst, wenn ich es wiederfinde: Mehr als ein Kratzen an der Oberfläche des Themas hat nicht stattgefunden. Das liegt weniger an der Natur der Nutzer, als an der Struktur Facebooks. Aber für einen Menschen, der gerne in die Tiefe geht, und der eine Diskussion auch einmal über einen längeren Zeitraum führt, ist das sehr schwer mitzutragen.

Ich erlebe, dass viele Beiträge zu ernsten Themen verlinkt werden. Nachrichten und Informationen, von denen sich der "Poster" wünscht, dass möglichst viele davon erfahren. Aufrufe, sich an Petitionen und Protesten zu beteiligen (so wie in dieser Woche im Falle der im Sudan zusammen mit ihrem Baby inhaftierten hochschwangeren Christin), verlinkt von einigen FB-Freunden, von denen man aus Erfahrung weiß, dass sie hier immer wieder "im Einsatz" sind, wenn ihnen Dinge unter den Nägeln brennen. Immer wieder die Bitte, zu teilen. Das Echo ist mäßig. Beim nächsten süßen Katzenfoto dagegen kann man gar nicht so schnell schauen, wie es die Runde um den FB-Globus macht.

Ich hatte heute auf den Lippen "Facebook ist ein Spiegel der oberflächlicher werdenden Gesellschaft". Aber inzwischen bin ich mir nicht mehr sicher, ob man nicht fast schon sagen muss "Facebook hat Anteil an der wachsenden Oberflächlichkeit unserer Gesellschaft". Ich nenne es mal die "Facebook'sche Gewissensberuhigung":

Ich öffne Facebook.
Ah, ok, da haben einige Freunde Nachrichten verlinkt zur inhaftierten Christin im Sudan.
*klick-like* *klick-like* *klick-like*
Okay, schnell auch noch einen der Links selber teilen.
*klick-share*
Nun habe ich meine Betroffenheit zum Ausdruck gebracht und es der sudanesischen Gerichtsbarkeit gleichzeitig mal so richtig gezeigt. 
Ah, da vermisst jemand seine entlaufene Katze.
*klick-share*
Und hier - da macht sich jemand Sorgen um seinen Job.
*klick-like* "Das wird schon."
Eine Freundin will die Delphine aus den Zoos und Shows befreien. Ach herrjeh, muss ich den Artikel jetzt lesen? Ach was.
*klick-like* und gut is.
Mal selber was verlinken: Mutige Frauen im Iran, die auf FB Bilder von sich posten. Unverschleiert. Interessiert außer mir nur keinen. Naja, immerhin hab' ich es verlinkt und damit mein Interesse gezeigt.
Eine Freundin wünscht allen eine Gute Nacht.
*klick-like*
*auslog*

Und da habe ich dann in 5-10 Minuten die ganze Bandbreite:
Mutige Meinungsäußerung.
Betroffenheit.
Unterstützung geben.
Freunden Anerkennung zollen.
Interaktion mit Freunden.

"Nur mal kurz die Welt retten...." und das auf dem Sofa sitzend, nur einen Finger muss ich krümmen. *klick* *klick* *klick*

Nur: Die Welt ist nachher noch genauso wie vorher. Hat sich was mit "retten". Die schwangere Sudanesin sitzt immer noch mit ihrem Baby im Gefängnis. Die Katze wurde von Spaziergängern gefunden, die FB gar nicht kennen, und zum Tierarzt gebracht. Die Delphine springen immer noch durch Reifen. Einige der iranischen Frauen wurden inzwischen verhaftet und sitzen ebenfalls im Gefängnis. Und die Freundin lag längst in süßen Träumen, als ich mein "like" setzte.

Aber mein Gewissen ist ruhig. Ich habe getan, was ich konnte. Das meine ich mit "Facebook'scher Gewissensberuhigung". Die kommt billig daher, und einlullend. Gefährlich einlullend, denn sie verhindert, dass Menschen sich wirklich = real engagieren.

Mein Problem ist, dass ich mir trotz meiner 48 Jahre und 1 Woche noch die kindliche Unvernunft bewahrt habe, die da sagt: "Ich will aber wirklich die Welt retten! Ich will mir nicht nur vorgaukeln, dass ich etwas verändere - ich will wirklich etwas verändern." Ja, so hochmütig kann man sein.

Ich denke, ich werde gelegentlich zu Facebook zurückkehren. Sobald ich mich von meinem Frust befreit und damit abgefunden habe, dass diese Platform eben wirklich nur "ein bisschen Spaß am Rande" ist. Und weil ich zu viele liebe Freunde dort habe, zu denen ich den Kontakt nicht verlieren möchte. Aber der wirkliche Kontakt, das ehrliche menschliche Miteinander, mit ehrlicher Besorgnis, Unterstützung, Zuhören, Ratschlägen, Umarmungen etc. - der muss anderswo stattfinden. Facebook ist in dieser Hinsicht ein großer Lügner.









Kommentare:

  1. Liebe Heike, ich sehe einerseits die Gefahren, die Du beschreibst, auch.
    Andererseits habe ich durch fb Kommunikationsmöglichkeiten, die wirklich praktisch sind.
    Erlebt habe ich durch fb auch dies: Hochwasser in Deutschland, Leute sitzen mit einem geretteten Koffer voll Krempel in einer Notunterkunft, ihre Wohnung ist ein stinkendes nasses Loch - und auf fb wird praktische Hilfe organisiert (ich hatte die Möglichkeit, einige Sachen zu spenden, und sah wirklich hervorragende Organisation). Die verlinkten Artikel werden durchaus zur Kenntnis genommen - und Petitionen werden wirklich geschrieben. Und was mehr kann man tun? In den Sudan fahren und in einem tapferen Schlag die Christin samt Kindern befreien? Geht nicht.
    Petitionen schreiben, Information verbreiten und beten? Geht.
    Für eine fb-Bekanntschaft war fb bis zu ihrem Tod ein Fenster zur Welt.
    Daß fb auch ein erhebliches Stück Vanitas ist: Klar.

    Daß fb kein Ersatz für den dreidimensionalen Kontakt ist, versteht sich - aber ich sehe es als gute Ergänzung.

    Nur verstehe meine Einlassungen bitte nicht als Nörgelei à "Menno, Du mußt facebook genau so mögen wie ich, sonst bist Du doof". :-) Das bist Du nicht, und das sag ich nicht.

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    1. Liebe Kalliope, danke für dein Feedback. Nein, als Nörgelei verstehe ich deine Einwände überhaupt nicht. Du hast die positiven Erfahrungen mit FB gemacht, die bei mir seit langem auszubleiben schienen - vielleicht will ich ja sogar, dass mir Menschen wie Du Facebook wieder in einem anderen - besseren - Licht erscheinen lassen?

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  2. Liebe Heike, es ist eine Frage der Erwartungen und Bedürfnisse, wie so oft. Meine Bedürfnisse uns Erwartungen sind anders gelagert als Deine, daher finde ich es normal, daß es mir auf Facebook gutgeht und zugleich Du Dich fragst, ob es für Dich Sinn hat.

    Die Illusion, ich könne per Facebook die Welt retten oder auch nur verändern, habe ich mir nie gemacht. Ich glaube auch nicht, daß Regierungen sich von Online-Petitionen aus fernen Ländern beeindrucken lassen - das ist mein Grund, solche Aufrufe nicht zu teilen. Aber wieso sollte mich das von "echtem" Engagement abhalten? Dann natürlich auf den Gebieten, wo es mir möglich ist, und so viel es mir möglich ist. Dann habe ich halt eine Sache "wirklich" getan statt hundertmal irgendwo geklickt oder "unterschrieben". Die Welt zu retten ist nicht meine Berufung.
    Vielleicht kann aber etwas, was ich schreibe oder teile, einzelne erfreuen oder inspirieren. Ich bin oft von den Beiträgen meiner Freunde und Kontakte erfreut oder inspiriert oder wenigstens unterhalten, und das ist so in etwa das Level an "Tiefe", das ich auf FB erwarte. Was darüber hinausgeht, ist eine nette Zugabe.

    Ich habe allerdings auf Facebook zum Teil durchaus intensiven, auch sehr persönlichen Austausch - das allerdings vorwiegend in einer wirklich winzigen (6 Leute), vertrauten Gruppe. Zum anderen ist es für mich tatsächlich Arbeitsinstrument und Möglichkeit zur beruflichen Vernetzung - das ist sicherlich ein Spezialfall, weil mein Job nun mal eine Menge mit Social Media zu tun hat.

    Ansonsten bietet es mir, wie oben schon angesprochen, je nachdem, loseren oder engeren Kontakt mit einer Menge Menschen, die ich mag, Unterhaltung, Information, Anregung, manchmal Inspiration. Das ist für mich eine Menge, und um mir das in diesem Grad anderswo zusammenzusuchen, würde meine Zeit kaum reichen. Meine "Bubble" ist auch nicht so eng, daß da nicht immer wieder auch Überraschendes und Widerständiges an mich herankäme. Dafür liebe ich Facebook.

    Die große thematische Diskussion suche ich derzeit überhaupt nicht mehr im Internet. Dazu sind mir die Tonlagen gerade bei kirchlichen Themen mittlerweile zu scharf geworden. An meinem früheren Standort war ich allerdings auch mehr auf Austausch und Diskussion per Netz angewiesen, hier habe ich das erfreulicherweise jetzt auch immer öfter wieder in der Kohlenstoffwelt. Daher ist da momentan mein Bedürfnis nicht sehr stark.

    Ich wünsche Dir sehr, daß Du die Orte findest, wo Du bekommst, was Du brauchst - ob offline oder online, ob auf Facebook oder in anderen Medien. Und wir verlieren uns schon nicht aus den Augen ...

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  3. Facebook ist eine große Zeit- und Energieverschwendung. Die beste Art der belanglosen sowie auch intensiveren Kommunikation wäre in einem Forum möglich.
    FB erinnert mich an das Briefchenschreiben in der Schule: nur heute, nur für jetzt und nie etwas, an das man sich erinnern wird (ausgenommen die "Willst Du mit mir gehen?"-Zettelchen),

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  4. Ja, Lara, das Briefchenschreiben aus der Schule ist ein schöner Vergleich. Übel in Bezug auf Facebook finde ich aber, dass einige der 'Briefchen' dort durchaus einen interessanten Inhalt haben - in einem Forum oder über einem Glas Wein würde der ausgiebig diskutiert werden. Bei Facebook gerät er nach wenigen Stunden in Vergessenheit und verschwindet in der Versenkung.

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  5. Genau, es ist so schade, wenn es gute Beiträge und inhaltlich wichtige Diskussionen gibt, die nach 3 Tagen keiner mehr liest. Unser Gespräch hier findet auch quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Deswegen findet ich Foren viel besser.

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  6. Ja, Lara, so ist es. Wobei du es mit den "3 Tagen" schon sehr gut mit FB meinst, denn normal ist es eher so, dass auch die besten Diskussionsansätze an meiner "Wall" schon nach wenigen Stunden im Nirwana verschwunden sind. Und ich bin keiner von den FB-Nutzern, die dort 3.834 Freunde haben - meine Freunde dort sind zu 90 % Personen, die ich auch persönlich kenne, und die Zahl beläuft sich auf gerade mal 59.

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