Dienstag, 2. Juni 2015

Stürmische Zeiten

Meine Schwester hasste Stürme. Sie machten sie nervös, sagte sie immer. "Nervös wie ein Entenschwanz" nannte sie ihren Zustand dann. Nachvollziehen konnte ich das nie. Bis jetzt.

Allerdings jagen die Stürme, von denen ich rede, nicht ums Haus, sondern durch die "Net-Community". Sie heißen "Shit-Storm" und stehen für einen gemeinschaftlichen Empörungshype, bei dem rechtschaffene Bessermenschen sich im Netz zusammenrotten und eine Person, eine Institution oder ein Unternehmen mit Hass, Pöbeleien und mehr oder weniger offenen Drohungen zuscheißen (sorry, aber so ist es nun mal - nicht umsonst heißt es "Shit-Storm").

Am schönsten ist für solche Rotten immer noch der "Kampf gegen Rechts™". Nirgends es einfacher (und gefahrloser), sich in einer großen Gruppe von Bessermenschen wiederzufinden, sich gegenseitig auf die Schulter klopfend der jeweils eigenen Überlegenheit zu versichern und anschließend mit dem guten Gefühl ins Bett zu gehen, die Welt ein bisschen besser gemacht zu haben.

Oder so ähnlich...

Nun ist es ja an sich nichts schlechtes, sich gelegentlich von Herzen zu empören. Anlässe gäbe es genug. Hunderte im Meer ertrunkene Flüchtlinge. Armut und Hunger in vielen Teilen der Welt. Kriegstreiber und Diktatoren, meist in den gleichen Teilen der Welt.

Stattdessen findet die Massenempörung in immer nichtiger werdenden Dimensionen statt. Keine Sau ist klein genug, als dass sie nicht weltweit durchs mediale Dorf getrieben würde. Nur an zwei Regeln muss der Shirtstormer sich stets halten:

1. Seine Empörung muss innerhalb des Mainstreams liegen.

Denn es ist einfach, mit dem Mainstream zu shitstormen. Es ist gefahrlos, und es ist bequem. Man muss nicht mal das eigene, gemütliche Sofa dazu verlassen. Und es sichert den Beifall der Masse, die es liebt, sich so richtig mit "Schmackes" der gemeinschaftlichen Empörung hinzugeben.

 2. Seine Empörung muss ein Ziel haben. Anders gesagt: Die Menge will ein Opfer.

Denn die Empörung der Masse benötigt ein Ziel, an dem sie sich abarbeiten kann:
Den Menschen mit der "falschen Meinung". Den vermeintlich "Rechten". Oder eben einfach nur den Menschen, der noch den Mut hat (oder die Naivität), gegen den Mainstream zu argumentieren.

Jetzt könnte man immer noch sagen (und ich hätte dafür sogar Verständnis):

Was ist denn bitte so schlimm daran? Empörung über Unwichtiges, ebenso wie das Aufbauschen von Mäusen zu Elefanten - beides ist nicht neu und wird es auch immer geben.

Nein, neu ist das nicht. Aber es nimmt eine Fahrt auf, und es erreicht eine Qualität menschlicher Dummheit, die beängstigend ist.

Eine Diskussion findet nicht statt. Eine Möglichkeit des "Opfers", sich zu verteidigen, ist klar nicht gewollt. Richtigstellungen, Klarstellungen, Dementi - sie alle perlen ab von einer Imprägnierung geistiger Intoleranz der selbstgerechten Mainstreammafia.

Aber auch der allgemeine Empörungswahn (also ohne Shit-Storm) - er ist so ansteckend wie ein Schnupfen im November.

Eine Nachricht wird veröffentlicht. Verbreitet. Geteilt. Bis sie - meist sehr schnell - auch bei mir landet. Und wenn sie den richtigen Schalter bedient, löst sie auch bei mir Empörung aus.

Eine Empörung, die sich hochschaukeln will anhand der schon vorhandenen unzähligen Empörungskommentare.

Eine Empörung, die mich verleiten will, in den großen Chor der Kommentatoren einzustimmen.

Eine Empörung, an der ich mich in einer künstlich erzeugten Aufregung abzuarbeiten beginne.

Ohne dieses Schwarmverhalten - hätte die Meldung mich überhaupt erreicht? Ja, möglich. Mit ein wenig Verspätung, in den Nachrichten, oder einer Tageszeitung. Allerdings wäre sie dann schon durch einen Filter gelaufen, der sie auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft hätte - während im "social networking" jeder alles einfach erst mal als "wahr" behaupten und verbreiten kann.

"BILD dir deine Meinung" titelte ausgerechnet die Zeitung gleichen Namens. Genau dies aber geht heute immer mehr verloren. Wir springen nur noch auf schon im vollen Tempo dahinrasende Züge auf. Ohne Ziel. Und ohne Verstand.

Ich habe mir heute vorgenommen - angesichts der Feststellung, wie wenig gut mir dieser ganze Mist derzeit tut - alle im Internet verbreiteten sogenannten Nachrichten zu "übersehen" und FB und Konsorten vorerst nur noch zum "Daddeln" zu nutzen, zur Terminabsprache mit Freunden, und zum Teilen von Katzenfotos.

Ich will das Selberdenken nicht verlernen. Und meine Nerven schonen. Und mir meine Empörung für Dinge aufsparen, die es wert sind.

Kommentare:

  1. "Es sind eben 'stürmische Zeiten', die heute angebrochen sind. Aber ganz offensichtlich spielt der Heilige Geist, der Tröstergeist, für den, der 'Augen hat, zu sehen', dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle! Nie vergessen werde ich unseren Umzug von Essen nach Dülmen Ostern 2013 als der Blitz im Vatikan eingeschlagen war und dort weißer Rauch aufgestiegen war, hatte gerade der Kampfmittelräumdienst gegenüber von unserem neuen Zuhause Entwarnung gegeben. Keine Bombe musste entschärft werden..." Das schrieb ich heute in einem Glückwunschbrief zum 80. Geburtstag. Übrigens war ich - anders als Heikes Schwester Claudia immer fasziniert von Gewittern mit Blitzen, Windböen und ziehenden Wolken und war bis zu den katastrophalen Wetterkapriolen im letzten Jahr immer enttäuscht, wenn die Gewitter in anderen Stadtteilen heftiger waren, als bei uns...

    "Ich glaube, wir müssen den Humor des Heiligen Geistes wieder lernen. Es ist zwar kein Dogma. Aber für mich ist es eins. Die Stelle von Humor und Freude haben Spaß- und Eventsucht eingenommen. Es gibt eine Berufung zum Lachen, wie auch zum Weinen". Dies schrieb ich in einer Reaktion auf einem Beitrag von Felix Honekamp zu einem ähnlichen Thema in PAPSTTREUER BLOG und auch: “ 'Beleidigte Leberwürste' hat man früher ausgelacht. Mit der Weite des Katholischen waren sie nie kompatibel. Heute lacht sie keiner mehr aus. 'Beleidigte Leberwürste' sind die, die anderen eine Grube graben ohne je in der Gefahr zu sein, selber hinein zu fallen. Der Erfolg ihrer Unfairness ist unglaublich ansteckend. Achtung! Die Gruben sind gut getarnt! Ob man das Auslachen neu lernen kann?" Es der Beitrag "Political Correctness: Die Geister die man rief …-- Political Correctness und Demokratie sind nicht (mehr) kompatibel", den auch die DEUTSCHE TAGESPOST veröffentlicht hat.
    akinom

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  2. Fazit zu diesem Thema scheint mir zu sein: Auch Shit-Storms brauchen uns nicht ner vös machen "wie ein Entenschwanz". Weil der Heilge Geist nicht nur das
    Anti-Babylons sondern auch der Anti-Schit-Storm ist, können wir uns von IHM
    ruhig und selbstbewusst dahin wehen lassen, wohin ER will!

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