Sonntag, 20. August 2017

Nicht kritikfähig

Am Tag des Anschlags in Barcelona postete eine Facebook-"Freundin" ein Video. Ich brauchte einige Sekunden, ehe ich realisiert hatte, was ich da sah: Jemand war kurz nach dem Attentat über die "Las Ramblas" gegangen und hatte mit seinem Smartphone gnadenlos die rechts und links am Boden teils im eigenen Blut liegenden Opfer gefilmt.

"Ich befreie dich von dem Anblick."

Ich bat sie, den Videolink zu löschen, fragte sie, ob sie denn wohl selbst auf einem solchen Video einen geliebten Menschen unter den Toten entdecken wollte. Ja, sie fände das auch furchtbar, erhielt ich zur Antwort, aber man müsse sich den Bildern stellen, und "wir" müssten aufhören, uns in die Tasche zu lügen. Sie fände das aber "völlig ok", dass ich das anders sähe. Worauf ich ihr entgegenhielt
"Du meinst ernsthaft, indem du die absolut letztgültige Privatsphäre dieser Menschen - nämlich im Tod nicht online als "Opfer" in ihrem Blut begafft zu werden - brichst, tust du irgendeinem etwas gutes?"
Darauf schrieb sie
"Ich befreie dich von dem Anblick."
um mich gleich danach zu "entfreunden". (Etwas, womit ich, nebenbei gesagt, sehr gut leben kann.)

Szenenwechsel.

Es gab da ein Projekt, das nannte sich

Valerie und der Priester

(Das ist übrigens der Link zum Blog, wo alles nachgelesen werden kann.)

Eine Berliner Journalistin, mit den typischen Vorurteilen gegenüber "Kirche und ihrem Gedöns" behaftet, begleitete einen katholischen Priester ein Jahr lang durch sein Leben und lernte dabei eben auch "Kirche" von einer anderen, für sie ganz neuen Seite kennen. Ihre Erfahrungen und auch die Inhalte ihrer (Streit-)Gespräche mit dem Priester wurden in regelmäßigen Abständen auf dem obigen Blog veröffentlicht und fanden eine erstaunlich große und treue Fangemeinde. Initiiert wurde das alles von der Deutschen Bischofskonferenz.

Aufgrund des großen Erfolgs startet nun ein neues Projekt:

Gott im Abseits

Diesmal begleitet ein nicht-gläubiger junger Journalist eine "Schwester" (der Missionsärztlichen Schwestern) ein Jahr lang durch ihr Leben. Sicher, klingt etwas danach, als wolle man das erste Projekt einfach mit anderen Protagonisten wieder aufwärmen, aber ich denke mir schon, dass ein Mann andere Fragen stellen und eine Ordensschwester andere Antworten geben wird.

Chance oder Geldverschwendung?

Man KANN diese Projekte als Chance begreifen, auf diese sehr, sehr, sehr niederschwellige Weise bei jenen das Interesse an Gott, Glauben und Kirche zu wecken, die man anders nicht mehr zu erreichen weiß. Und auch als Chance, bei genau dieser Zielgruppe vielleicht wenigstens einige der falschen Vorstellungen und Vorurteile aufzubrechen, die so durch unser Land geistern, wenn es um die katholische Kirche geht.

Man KANN diese Projekte auch als eine sinnlose Geldverschwendung abtun, indem man sagt, es wird die Einstellung zur Kirche nicht um ein Jota verändern. Das einzige Ergebnis wird sein, dass die Zuschauer/Mitleser des Blogs sich nun denken werden:
"Okay, die Katholiken hängen zwar einem mittelalterlichen, frauenfeindlichen, homophoben und völlig unzumutbar verzerrten Weltbild an, aber es gibt unter ihnen trotzdem davon mal abgesehen einige ganz nette Leute."
Wahrscheinlich ist es wie so oft: Beide Seiten haben ein bisschen Recht - und die Wahrheit liegt sowieso irgendwo dazwischen. Darüber kann man diskutieren, darauf hätte man sich einigen können.

Kritik an der Kritik

Es wurde eine herbe Kritik am neuen Projekt verlinkt. Nichts gegen einzuwenden. Nachdem man einander allerdings eine Weile ob der eigenen spirituellen Überlegenheit gratuliert hatte, kam es, wie es kommen musste: Es meldete sich ein anderer Jemand zu Wort, und dieser Jemand übte Kritik an der Kritik. Und damit nahm das Unglück seinen Lauf:

Die ganze "Chose" endete in einem Fiasko aus Beschimpfungen, Entfreundungen und gegenseitigen Blockierens. Nicht jeder Kritiker kann mit Kritik an seiner Kritik umgehen, könnte man dazu wohl sagen.

"La-la-la-Ich-hör-dich-nicht!"

Online ist es natürlich besonders leicht, sich den Grenzen der eigenen Kritikfähigkeit NICHT stellen zu müssen:

Den unangenehmen "Störer" blockiere ich. Damit mache ich ihn mundtot, und wenn ich es geschickt anstelle, merkt er es nicht mal. Reicht mir das nicht aus, "entfreunde" ich ihn. Klick - und weg! So habe ich über kurz oder lang eine "Filterbubble", innerhalb derer ich mich ausnahmslos unter Applausspendern bewege.

Damit geht man ungefähr so durch die Online-Welt wie das Kind, das sich die Ohren zuhält und laut "La-la-la-ich-hör'-dich-nicht-La-la-la" singt, wenn die Mutter ihm zu erklären versucht, dass eine halbe Tafel Schokolade kein gutes Frühstück ist.

Ich frage mich:

Sind es genau diese Möglichkeiten, sich online gemütlich unter Gleichgesinnten einzurichten, die uns auch im analogen Leben mehr und mehr kritik-unfähig machen? Oder ist es umgekehrt die wachsende Unfähigkeit weiter Teile unserer Gesellschaft, sich unbequemer Kritik zu stellen, die sich online schlicht noch extremer ausleben lässt?

Diskussionskultur - damals und heute

Ich behaupte nicht, eine Antwort auf diese Frage zu haben. Mir fällt allerdings auf: Schaut man sich einmal die Aufzeichnung einer TV-Diskussionsrunde aus den 1960ern und 1970ern an (den Ausdruck "Talkshow gab es ja noch nicht) und ruft sich in Erinnerung, wie es in heutigen Talkshows zugeht, sobald Themen diskutiert werden, die über das Liebesleben der Nacktschnecken hinausgehen, dann muss man feststellen:

Die Diskussionskultur unserer Gesellschaft ist den sprichwörtlichen Bach hinuntergegangen.

Wir nehmen Kritik nicht nur nicht mehr hin - nein, wir wollen sie gar nicht erst hören. Kritik bedeutet das Infragestellen unserer Überzeugungen, und in denen sind wir heute so festgefahren, dass jeder "Angriff" darauf nur als Angriff auf den ganzen Menschen gewertet werden kann; ein Angriff also, der gnadenlos niedergeschrieen oder besser noch mundtot gemacht werden muss.

Der kleine Diktator

Diese Kritik-Unfähigkeit, und die Absolutsetzung der eigenen Überzeugungen haben wir in die Onlinemedien getragen. Dort können wir sie als kleine Meinungsdiktatoren auf der eigenen "Wall" und im eigenen Blog nach Herzenslust ausleben.

Im Grunde sind wir damit nicht besser als die großen Diktatoren Erdowahn, Trump, Putin & Co. - nur ist unser Machtradius ungleich kleiner.

Vielleicht sind ja deshalb einige heute gleich doppelt gefrustet?

Kommentare:

  1. Irgendwie fehlt mir zum Verständnis des zweiten Teiles eine Verlinkung.

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    1. Da ich die Fallbeispiele eben nur als solche angegeben habe, werde ich nicht verlinken und so Namen preisgeben. Das würde nur zu einer Verschärfung der Animositäten beitragen, was ich vermeiden möchte.

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  2. Zu diesem Beitrag wurde ein weiterer Kommentar abgegeben (zur Erklärung: alle Kommentare zu meinem Blog bedürfen meiner Freigabe). Da der Kommentar jedoch eine Verlinkung enthält (Verlinkungen, bitte habt Verständnis, sind heikel auf dem eigenen Blog, weil ihre Inhalte sowie weiterführende Verlinkungen, außerhalb meiner Kontrolle lägen), gebe ich hier nur den Text wieder:
    "Als verallgemeinerbare Reflexion zum Thema Diskussionskultur sehr gut, wenngleich ich mit dem Fallbeispiel im zweiten Teil nicht ganz einverstanden bin."
    Der Grund hierfür ist, so viel muss ich nun wohl dazu erklären, dass der Kommentator im zweiten Fallbeispiel eine tragende Rolle spielte.

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