Samstag, 9. April 2016

Die Freude der Liebe

Hier sitz' ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.

Goethes Tor hat gestanden, aber da ich gerade auf dem Sofa sitze, musste ich seinen Spruch ein wenig abwandeln. Er möge mir verzeihen, der Herr Geheimrat.

Gerade habe ich die neueste Veröffentlichung von Papst Franziskus gelesen, Amoris Laetitia, und ich hätte so einiges dazu zu sagen. Aber wo anfangen?

Im Netz herrschte viel Verwunderung darüber, wie es möglich war, dass 5 Minuten nach der Veröffentlichung eines über 300 Seiten starken Dokuments die ersten Zusammenfassungen und Reaktionen durch die Medien gingen. Mich verwundert das überhaupt nicht. Die Medien suggerieren uns, dass für ganz Deutschland in Bezug auf Kirche und Papst nur zwei Themen von enormen Interesse seien:

1. Die Zulassung geschiedener und wiederverheirateter Menschen zur Kommunion.
2. Die Zulassung homosexueller/lesbischer Paare zur kirchlichen Trauung.

Und die wenigen Sätze, die hierzu in Papst Franziskus' Schreiben zu finden sind, mittels Suchfunktion aus den 300 Seiten herauszufiltern, ist ein Kinderspiel. Voilà! Schon können wir der gespannt wartenden Bevölkerung die Quintessenz des ganzen Schreibens vorlegen.

Die gespannt wartende Bevölkerung...? Das ist etwa so, als würde man das Dorf des Asterix als "ganz Gallien" bezeichnen. Was für ein Dummschwatz.

In Wirklichkeit sind es die immer gleichen Gruppen, die zu diesen Themen in jedes Mikrofon plappern, das nicht schnell genug wegrennen kann.

Die Realität ist: Die Mehrheit in Deutschland interessiert sich nicht die Bohne dafür, was die Kirche zu diesen oder anderen Themen zu sagen hat. Sie nehmen solche Meldungen mit einem Achselzucken wahr - und beweisen damit ein wesentlich feineres Gespür als die Medien, die nun in Kommentaren und Diskussionen auswalzen, was der Papst gesagt hat, nicht gesagt hat, gemeint hat, gemeint hätte haben können, hätte sagen sollen, nicht hätte sagen dürfen...

Ein feineres Gespür? Aber ja:

Ich unterstelle der "breiten Masse" gerade die Intelligenz, ganz instinktiv und vielleicht sogar unbewusst die Unwichtigkeit dieser Themen wahrzunehmen. Und deshalb mit einem Achselzucken zu reagieren.

Das ist gut.

Das ist schlecht.

Schlecht?

Es ist schlecht, weil das Auswalzen der immer gleichen Themen eben auch zu einem Achselzucken gegenüber der Kirche und dem, was sie zu sagen hat im Allgemeinen führt.

Dass man mich nicht falsch versteht: Ich behaupte nicht, die Medien und Gruppen wie "Wir sind Kirche" seien Schuld an der stetig steigenden Zahl sonntäglicher Kirchenabstinenzler, die  das "christliche Abendland" nur dann kennen, wenn es um die aktuelle Flüchtlingssituation geht.

Aber die Kirche hat der Welt noch etwas zu sagen. Ich behaupte sogar, sie hat ihr noch sehr viel zu sagen (und zu geben). So wie auch jetzt mit dem Schreiben des Papstes.

Man stelle sich einmal vor, da hätten sich gestern die Medien mit folgender Nachricht zu Wort gemeldet:
"Heute hat Papst Franziskus sein Schreiben 'Über die Liebe in der Familie' veröffentlicht. Es beschreibt die Situation der Familien in aller Welt, die Probleme, mit denen sie zu kämpfen haben, aber auch, mit welchen Augen die Kirche auf diese Familien sieht und in welcher Weise sie hofft, ihnen Hilfe und Beistand leisten zu können. Das ganze Schreiben zum Nachlesen finden Sie auf unserer Homepage unter www....."
Ach, Leute, nun lasst mich doch auch mal träumen...

Aber es macht mich wütend. Denn durch diese mediale Reduzierung auf zwei marginale Themen wird dieses Schreiben nur von jenen gelesen werden, die es von vorneherein "auseinandernehmen" wollen, sowie von jenen, die - auch heute noch - wirklich daran interessiert sind, was "Kirche" zu sagen hat. Also eigentlich nur solche Laien, die seiner ohnehin nicht bedürfen.

Bei jenen aber, die "Kirche" mit einem Achselzucken abtun - und das ist, machen wir uns nichts vor, die große Mehrheit - wird jedes mögliche Restinteresse im Keim erstickt. Sie "wissen" ja schon, worum es in dem "Ding" mal wieder geht.

Was würden sie denn erfahren, wenn sie es trotzdem läsen?

Zuerst einmal würden sie erleben, dass da jemand in ganz einfachen Worten zu ihnen spricht. Das muss man jetzt nicht mögen (und als Fan der Bücher Benedikt VI. bin ich durchaus andere Kost gewöhnt), aber es macht Sinn: Wo jedes Verständnis und jedes Wissen abhanden gekommen sind, da muss erst einmal offen und klar gesprochen werden. Da muss erklärt werden, wie die Kirche wirklich auf die Familie schaut, auf die Ehe, auf Verlobung und Ehevorbereitung, auf die Kinder, und ja: auch auf den Sex, auf Sexualerziehnung der Kinder (nein, sie ist nicht dagegen!), auf das Alter, und auf den Tod. Und da muss aufgezeigt werden, welche Wege sie sucht, den Familien eine Stütze zu sein.

Menschenskinder, Himmelherrgottnochmal, wenn man die Achselzucker doch mal ans Lesen brächte! Dass sie endlich verstünden, wie viel mehr "Kirche" noch zu sagen und zu geben hätte, wenn es nicht auf das ständige Kulissengeschepper reduziert würde!

Nein, ich bilde mir nicht ein, dass die Kirchen voller würden. Aber das Bild der Kirche würde sich weiten. Und das wäre ja schon mal ein Anfang.

Da möchte man so manchem medial monologisierenden Miesepeter schon gerne zurufen:
"Einfach mal die Klappe halten! Danke."
Ich schließe mit meinem Lieblingssatz aus "Amoris Laetitia", mit dem Franziskus über die Kirche sagt:
"Wir sind berufen, die Gewissen zu bilden, nicht aber dazu, den Anspruch zu erheben, sie zu ersetzen."

Kommentare:

  1. Dein Medien-Kontrastprogramm hat mir wirklich Spaß gemacht, liebe Heike! Wie oft habe mir nicht schon Medien-Kontrastprogramme des seriösen Journalismus gewünscht, wo Berichterstattung und Kommentar sauber getrennt sind und die ganze Palette der Überzeugungen von von links-außen bis rechts-außen klar zu unterscheiden sind. Das in den letzten 40-50 Jahren in die Tat umgesetzt: Wie sähe dann wohl heute Europa und die Regierung unseres Staates aus?

    Der Heilige Josèmarià Escrivà hat einmal sinngemäß gesagt: "Es ist wichtiger, dass es Journalisten gibt, die katholisch sind, als dass es Journalisten katholischer Medien gibt."


    "Heute hat Papst Franziskus sein Schreiben..." Prima formuliert, liebe Heike, sachlich und ganz ohne Wut! Auf meinem Wunschzettel steht nun, dass Du Deinen Blog dazu nutzt, serienmäßig Mainstream-Themen in Form eines Kontrastprogramms aufzuspießen und so auch für gelangweilte Nicht- und Nichtmehrgläubige interessant zu machen und sie anzureizen, sich ernsthaft damit auseinander zu setzen.

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