Dienstag, 15. September 2015

Wie böse ist es, für das Leben zu sein? - Begriffsverwirrungen

Eine überflüssige Frage. Eigentlich. Denn wäre ich nicht für das Leben, müsste ich jetzt den Computer abschalten und den Kopf in den Backofen legen. Was allerdings auch widersinnig wäre, denn der läuft elektrisch.

Naja, Spaß beiseite.

In Berlin findet am kommenden Samstag (19. September) erneut der "Marsch für das Leben" statt. Über diese Veranstaltung hatte ich schon im letzten Jahr in einem die Vorzeichen ein wenig verkehrenden Blogbeitrag geschrieben.

Ich frage mich heute, was denn so schrecklich ist an einer friedlichen Demonstration, die sich "Marsch für das Leben" nennt. Immerhin hat sich die Berliner Mit-Regierungspartei "Die Linke" entschlossen, ganz "demokratisch" auf ihrer Homepage dazu aufzurufen, sich einer ordnungsgemäß angemeldeten und genehmigten Demonstration "in den Weg zu stellen" und diese zu stören. Wie so etwas bei den Linken aussieht, weiß man. Friedlich bleiben da wohl nur die bösen "Lebensschützer".

Und da sind wir schon mittendrin, in der Begriffsverwirrung.

Leben schützen zu wollen - gut.
Ungeborenes Leben schützen zu wollen - schlecht.

Ein guter Mensch zu sein - gut.
Ein Gutmensch zu sein - schlecht.

Mittelalter spielen auf Ritterfesten und -märkten - gut.
Mittelalterlich zu sein - schlecht.

So weit, so seltsam.

Noch interessanter wird es, wenn die eine Seite von sich behauptet, etwas bestimmtes erreichen zu wollen, und es in Wirklichkeit die andere - "gegnerische" - Seite ist, die dieses "etwas" anstrebt.

Die Eiferer gegen den "Marsch für das Leben" sagen von sich, sie seien "pro-choice". Das heißt, sie verlangen, dass sich jede Frau frei für oder gegen eine Abtreibung entscheiden kann. 

Doch ganz so stimmt das nicht:
Dieses Verlangen jedenfalls müsste hinter dem Begriff "pro-choice" stehen - also der Möglichkeit einer freien Wahl zwischen mindestens zwei Optionen.
Ihr tatsächliches Motto lautet aber "pro-abortion", denn in Wirklich geht es ihnen nur darum, dass der Zellhaufen mit dem schon schlagenden Herzen möglichst zügig und ohne großes Nachdenken entsorgt werden kann.

Jene Menschen aber, die sich in Berlin zum "Marsch für das Leben" einfinden, die bösen "Lebensschützer" also, die im Mittelalter steckengebliebenen Erzkonservativen - sie sind es, die tatsächlich "pro-choice" sind! Das muss erklärt werden:

Wie oben schon gesagt, bedeutet "pro-choice" per definitionem nichts anderes als den Wunsch nach einer tatsächlichen Wahlfreiheit zwischen mindestens zwei Möglichkeiten. Einer schwangeren Frau, die eine Abtreibung erwägt, müssen also Voraussetzungen anhand gegeben werden, die ihr eine Entscheidung in beide Richtungen ermöglichen.

Sie benötigt Informationen:
Und zwar nicht nur darüber, wie eine Abtreibung technisch vor sich geht, und "Am nächsten Tag ist alles wieder gut."-Aussagen. Sondern auch darüber, was bei einer Abtreibung alles NICHT gutgehen kann. Auch muss sie erfahren, was eine Abtreibung tatsächlich heißt, und was es mit dem Entwicklungsstand des "Zellhaufens" schon in den wenigen ersten Wochen ihrer Schwangerschaft wirklich auf sich hat.

Sie benötigt noch weitere Informationen:
Welche Hilfe und/oder Unterstützung (finanziell u.a.) stünden ihr zu, falls sie sich doch für das Kind entscheidet?

Und weiter:
Falls sie das Kind wirklich auf keinen Fall behalten möchte - hat sie schon einmal über eine Adoption nachgedacht? Weiß sie, wie so etwas vor sich geht bzw. welche verschiedenen Möglichkeiten es hier gibt?

Und noch immer weiter:
Hat man ihr jemals dabei geholfen, sich selbst die richtigen Fragen zu stellen? Z.B., ob sie mit ihrem derzeitigen Freund wirklich gut "bedient" ist, der von ihrer "Partnerschaft" sagt "Wir genießen unser Sexleben in vollen Zügen." (Originalzitat) und sie im Falle einer Schwangerschaft zur Abtreibung anmeldet, worauf man sich vorher für den "Ernstfall" geeinigt hatte, so dass man(n) anschließend erneut "in vollen Zügen" genießen kann?

Und so ganz nebenbei möchte ich das für mich noch einen Tick weiterführen:
Wie schön wäre es, wenn unsere Regierung ebenso wie alle VerfechterInnen von Frauenrechten damit aufhörten, sich wegen einer Frauenquote in den Führungsetagen auf die eigene Schulter zu klopfen, die nicht nur gerade mal 0,irgendwas % der weiblichen Bevölkerung des Landes dient, sondern die von einem Teil eben dieser 0,irgendwas % sogar abgelehnt wird? Und wie viel schöner wäre es, wenn stattdessen Geld flösse - von der Regierung, und innerhalb der Unternehmen - um den Frauen eine "Kinderpause" ohne Karriereknick zu ermöglichen, oder ihnen zu erlauben, einige Jahre lang ihren Beruf mit "Mutter" zu benennen, ohne später deswegen in die Rentenarmut zu rutschen. DAS würde "pro-choice" jeder werdenden Mutter entgegenkommen.

Und noch einen kleinen Tick weitergehen möchte ich, was die Informationen und Überlegungen für die werdende Mutter angehen:
Was ist das denn eigentlich, diese "sexuelle Selbstbestimmung der Frau", die hier von den Gegnern der "selbsternannten Lebensschützer"™ gegen diese ins Feld geführt wird? Soll ja wohl heißen:
"Wir sind dafür, und ihr seid dagegen."

Hm.... was hat "sexuelle Selbstbestimmung" mit Abtreibung zu tun? Ernsthaft mal jetzt? Sagen wir mal so:

Ich glaube nicht, dass es auf dem "Marsch für das Leben" jemanden außerhalb des "1/100-Rahmens" (s.u.*) geben wird, der befürwortet, dass ein anderer als die Frau selbst die Wahl trifft, wann und wo und wie und mit wem sie "in die Kiste springt".

"Sexuelle Selbstbestimmung" hört (u.a.) da auf, wo Prostitution anfängt - auch, wenn dies die Linke natürlich etwas anders sieht, und sich damit in guter Gesellschaft mit Amnesty International befindet, wo man auf eine Legalisierung von Prostitution pocht. Ein interessanter Twist dieser Geschichte ist übrigens der Fakt, dass der erste Bericht, auf dem dieses Ansinnen beruht, von einem Herrn namens Douglas Fox (mit)-verfasst wurde (Quelle) - der in England einen der größten *räusper* "Escort-Services" betreibt. Na, was Wunder, sage ich da nur.

Ob sich wohl unter den "selbsternannten Lebensschützern"™ jemand finden wird, der Prostitution legalisiert sehen möchte? Ich denke nicht.

Aber zurück zu unserer schwangeren Frau und "pro-choice":

Die Frage, wer ihr denn nun eine größere Hilfe sein kann, die muss jeder für sich selbst beantworten:

Sind es jene, die ihr einreden wollen, zur "sexuellen Selbstbestimmung" gehöre es eben auch, die dabei gelegentlich entstehenden "Unfälle" rasch und straffrei "wegmachen" zu lassen, und die letztlich damit weiterhin alle körperlichen und seelischen Spätfolgen des "Wie genießen unser Sexleben..." in die Ecke der Frau schieben, während man(n) tatsächlich unbeschwert genießen kann (wo da die Emanzipation bleibt, werde ich sicher nie verstehen)?

Oder sind es jene, die wollen, dass ihr in ihrer Situation beratend und helfend zur Seite gestanden wird, so dass sie wirklich eine informierte und freie Entscheidung treffen kann - und die dabei hoffen und beten werden, dass es eine Entscheidung FÜR das Kind sein wird?

Hört doch auf, möchte man rufen, euch von eurem selbstgerechten Thron herab über die "Lebensschützer" lustig zu machen und sie als "ewig Gestrige" oder "Erzkonservative" zu verunglimpfen!

Diese Menschen, die dort auf die Straße gehen - sie haben tausendmal mehr Menschlichkeit in sich, und ehrliches Mitgefühl, als ihr es je im Leben haben werdet!

Diese Menschen gehen nicht auf die Straße, weil sie sich als hochmoralisch einstufen, oder weil sie noch im Mittelalter leben, oder weil sie Frauen zurück zu Heim und Herd wünschen.

Diese Menschen gehen auf die Straße, weil sie leiden, und mit ihrem "Marsch" geben sie diesem Leid Ausdruck:

Sie leiden mit jeder Frau, die sich entscheidet, ihr Kind abzutreiben.

Und sie leiden wegen jedes Kindes, das getötet wird, noch ehe es auch nur einen Blick auf unsere verrückte Welt tun konnte.

Und dieses Leid ist so groß, dass sie nicht schweigen können, sondern es auf die Straße tragen.

Wenn ihr schon nicht ihrer Meinung seid, so habt wenigstens Achtung vor ihnen.


Fußnote:
* Mit dem Ausdruck "1/100-Rahmen" bezog ich mich auf die Tatsache, dass es unter einer einer Ansammlung von 100 Menschen immer auch den einen Spinner geben wird. Bei "Marsch für das Leben" werden das wie im letzten Jahr jene Leute sein, die sich Formate wie die "Heute-Show" gezielt aus dem Pulk heraussuchen, um sie mit einigen dummen Fragen zu noch dümmeren Antworten zu verleiten, die man anschließend unter selbstgefälligem Lächeln dem Publikum als repräsentativ für die Einfalt der "im Mittelalter steckengebliebenen"™, "erzkonservativen"™ "selbsternannten"™ "Lebensschützer"™ darstellt.

Kommentare:

  1. Nur eine kurze Anmerkung zum Thema Amnesty und Prostitution. Was Sie hier wiedergeben ist ein Missverständnis. Amnesty hat nie gesagt, dass die erniedrigende Behandlung von Prostituierten ok ist, sie haben nur gesagt, dass diese - weltweit - zum überwiegenden Teil von "Ordnungshütern" kommt - bedingt dadurch das Prostitution illegal ist. Das oft vorgebrachte "Skandinavische Modell" (Bestrafung der "Freier" statt der Prostituierten hat ein großes Manko -von 192 UN Mitgliedsländern sind nur 3 in Skandinavien. In so gut wie allen übrigen Staaten sind Prostituierte für die Behören einfach Dreck. Im einen Fall Dreck der strafbare Handlungen begeht im anderen Fall Dreck der keine strafbare Handlungen begeht. Und jetzt können Sie sich aussuchen was für die Frauen besser ist.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Moment, Herr Ebner: Wo habe ich geschrieben, Amnesty International hätte dieses oder jenes gesagt? Was ich schrieb, war: Amnesty International möchte eine Legalisierung der Prostitution durchsetzen, und man tut dies u.a. auf der Basis eines Reports, an dessen ersten Entwurf der Chef eines "Escort-Service" federführend mitgewirkt hat. Ein klarer Interessenkonflikt, oder auch eine klare Ansage, wessen Interessen hier vertreten werden sollen. Deutschland hat die Prostitutionsgesetze mehr und mehr gelockert, und was ist daraus entstanden. Das Bordell Europas, und Frauen, die aus ärmsten Ländern Osteuropas unter falschen Versprechungen hierher gelockt werden, um dann auf übelste, auf allerübelste Weise in der Zwangsprostitution zu landen.

      Löschen
  2. Als jemand, der eine ungeplante Schwangerschaft ausgetragen und das Kind bis zum Erwachsenenalter großgezogen hat - würde ich nicht mehr machen.
    Zum Pro-Choice-Gedanken gehört, wie Sie sehr richtig sagen, eine umfassende Information, die übrigens mitnichten gerade von "Lebensschützer/innen" gegeben wird, während "klassische Pro-choicer" nichts tun würden, als Frauen zur Abtreibung zu bewegen. Eine solche Information wüde auch einschließen, anhand der Statistiken darüber zu informieren, dass die Kinder recht junger Mütter bzw. Kinder. deren Väter die Familie verlassen in vlelerlei Hinsicht größere Probleme haben als die anderen (gesundheitlich, psychisch, Bildungsstand); dass nicht damit gerechnet werden darf, dass der Vater an Bord bleibt; dass mit großen finanziellen Schwierigkeiten zu rechnen ist. Wer eine ungeplante Schwangerschaft austrägt, sollte eine umfassende Beratung bekommen können, die Chancen und Probleme für die nächsten 20 Jahre miteinschließt und es nicht als den Sieg ansieht, wenn eine Abtreibung nicht stattfindet, aber dafür eine Geburt. Der/die Berater/in ist dann nämlich möglicherweise dafür mitverantwortlich, dass es einem Kind und einer Mutter die nächsten 20 Jahre nicht besonders gut geht.
    Einfach nur geboren werden ist noch nicht toll - ein halbwegs gutes Leben leben können sollte das Ziel für Mutter und Kind sein.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Moment mal, dazu gäbe es vieles sagen, liebe "Anonym": Ich werde mich auf die beiden für mich wichtigsten Punkte beschränken:

      "Einfach nur geboren werden ist noch nicht toll", schreibst du zum Ende. Hierzu meine Frage an dich: Auch, wenn denn Leben bisher vielleicht nicht "toll" verlaufen sein sollte - würdest du deshalb sagen, es sei besser gewesen, deine Mutter hätte dich abgetrieben, um dir all die schlechten Erfahrungen zu ersparen? Oder anders gefragt: Findest du es wirklich richtig, dass ein Mensch über das Leben (oder eben den Tod) eines anderen Menschen noch vor dessen Geburt entscheidet, nur unter der Prämisse, dass sein Leben vielleicht nicht so "toll" verlaufen wird? Unter dieser Begründung müssen wir dann allerdings auch konsequent die Abtreibung aller Kinder betreiben, die sicher, wahrscheinlich oder auch nur möglicherweise behindert zur Welt kommen würden.

      Du schreibst, du hättest das Kind einer ungeplanten Schwangerschaft ausgetragen und würdest das nicht mehr machen. Und du hast so einige Statistiken über junge Mütter und Väter gelesen, die deine schlechten Erfahrungen bestätigen. Aber du erwähnst immer nur zwei Möglichkeiten:
      Das Kind bekommen und es großziehen.
      Das Kind abtreiben.

      Eine dritte Möglichkeit - die in einem guten Beratungsgespräch IMMER angesprochen gehört, besonders dann, wenn es sich um eine sehr junge Mutter handelt, oder um eine sehr ungewollte Schwangerschaft - ist die einer ADOPTION. Das Kind wird leben, es wird liebende Eltern haben, die sich ganz bewusst für ein Kind entschieden haben, und die junge Mutter kann ihr Leben anschließend so weiterleben wie bisher.


      Löschen