Sonntag, 23. August 2015

Tierliebe. Ein rotes Tuch.

Wie kann es sein, dass ich Tierliebe momentan als "rotes Tuch" empfinde? Habe ich etwas gegen Tierschützer? Hasse ich etwa Tiere? Beides kann ich verneinen.

Also, was ist los mit mir?

Täglich treffe ich in den Medien - hauptsächlich online, aber auch anderswo - auf kleine und große Meldungen über ausgesetzte und/oder misshandelte Hunde, Katzen und andere Tiere. Das ist schlimm, keine Frage. Die Reaktionen auf solche Meldungen sind immer gleich: Ein Sturm der Empörung, es regnet Kommentare noch und noch:
"Wie kann man nur?"
"Wer sowas tut, dem sollte man... "
"Was sind das nur für Menschen?"
"Wenn ich den in die Finger bekäme..."
"Das ist soooo traurig, der/die/das arme kleine Ding."
Betroffenheit und Empörung, und der Wille, dem Bösewicht mal so richtig in den... naja, ihr wisst schon.

Menschliche Reaktion. Völlig normal, und irgendwie auch gut so. Man nennt es Mitleid.

Immer häufiger aber frage ich mich:

Wie viele eben dieser Kommentatoren lesen von den Flüchtlingsschicksalen, ausgelöst durch die Greueltaten der IS und anderer islamistischer Terrorbanden - und bleiben ungerührt?

Wie viele von ihnen lesen von brennenden Asylantenheimen - und zucken die Achseln?

Wie viele von ihnen lesen von Morden, Entführungen, Folterungen, Vergewaltigungen, Enthauptungen, die in jenen Ländern gang und gäbe sind, aus denen viele der Flüchtlinge jetzt zu uns kommen - und denken sich dabei... nichts?

Natürlich beschränken sich meine Fragen nicht nur auf diese Menschen. Aber es ist auffällig:

Eine mitleiderregende und/oder empörende Meldung über ein süßes Kätzchen, einen armen Hund oder meinetwegen auch einen vormals stolzen Löwen - und die Zahl der Kommentare steigt binnen weniger Stunden in die Tausende.

Eine mitleiderregende und/oder empörende Meldung über ein Flüchtlingsschicksal oder weitere Untaten der IS-Schlächter - und die Reaktionen beschränken sich auf wenige und immer gleiche "Verdächtige".

Jemand meinte dazu kürzlich, naja, man könne sich doch nicht ständig aufs Neue empören und in Tränen auflösen. Hm... In der Tierliebe scheint das aber sehr wohl zu funktionieren.

Stumpfen wir also nur menschlichem Leid gegenüber ab?

Aber vielleicht sind ja auch nur die meisten der Ansicht "selber schuld":

Selber schuld, wenn Menschen von der IS verfolgt und enthauptet werden - ihre politische Einstellung wird danach gewesen sein.

Selber schuld, wenn der IS und andere Terrorgangs in den Ländern wüten - wenn auch niemand im Lande etwas gegen sie unternimmt und stattdessen alle die Beine gen reicher Westen in die Hand nehmen, die es sich leisten können.

Selber schuld, wenn der reiche syrische Apotheker vor dem IS fliehen muss - wenn er sich auch vorher im eigenen Lande nie um die Armen geschert hat.

Ich rede Blödsinn? Nö, genau diese Weisheiten wurden mir vor 10 Minuten um die Ohren geschlagen.

Mitleid? Ja, gerne. Aber bitte nur für süße Kätzchen und kleine Hunde.

Kommentare:

  1. 'ne Kollegin hat nach dem Erdbeben in Haiti gesagt: Für Menschen spendet sie nichts - die könnten sich selber helfen. Nur für Tiere.

    Die andere Kollegin hat nach Fukushima im Nachbarbüro nur gejammert "Die Fische! Die Fische! Die Fische!"

    Aus dem direkten "praktischen" Leben ist die Geschichte über die herrenlose Ratte aus dem Tierheim, in dem die eine Kollegin gearbeitet hat, mit Verdacht auf Schlaganfall meine Lieblingsgeschichte. Den Tränen nahe hat die Kollegin davon erzählt, weil das arme Tier erst nach zwei Tagen zum Tierarzt gebracht wurde. Zur Behandlung wohlgemerkt. Nicht zum Einschläfern. Die andere Kollegin war darüber so empört, dass sie am Liebsten das Tierheim irgendwo gemeldet/angezeigt hätte, damit es geschlossen wird. Nach ein oder zwei Tagen in Behandlung beim Tierarzt musste das arme Tier dann "euthanisiert" (O-Ton der Kollegin) werden.

    Also von daher: Mitleid nur für süße Katzen und Hunde - nein, gilt nicht für alle Menschen. Bei meinen Kolleginnen bezog sich das unter anderem auch auf Blutegel (!), Mehlwürmer (!), Fische, Ratten - ich glaube, es gibt kein Tier, das davon ausgenommen ist. Nur eine Spezies: der Mensch. Auch wenn sie immer betont haben, dass der Mensch auch nur ein Tier ist, ist er m.E. das einzige, für das sie KEIN Mitleid verspüren. Außer für nächste Verwandte.

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  2. Es stimmt ja alles, was Du sagst, Heike. Und ich habe mich diesbezüglich auch schon öfter geäußert. Aber es gibt auch andere Beispiele. Auch Krankheit, Arbeislosigkeit, Scheidungsprozesse und familiere Sorgen lenken den Blick ab von IS und allem Satanischen in der Welt. Deo gratias! Ja, es kommt zu wenig zur Sprache und es gibt zu wenig Engagement für Abhilfe.

    Aber lass mich trotzdem eine Lanze schlagen für die Tiere. Schau einfach mal in Claudia Sperlichs Blog "Logic.Lane" . Sie zeigt auf, wie es den Menschen im Altenheim mit vielen Dementen gut tut, wenn sie die Tiere im Minizoo füttern und streicheln dürfen. Sie zeigt die Schönheit der herbstlichen Pflanzenwelt auf...

    Und ich freue mich riesig über die "Dankbarkeit" meiner Vögel, die ich auf dem Balkon füttere. Sie "pflanzten" dafür in meinen Rosentopf 3 Sonnenblumen, die nun fast blühen...Ich freue mich riesig darüber. Schauen wir auf die Tiere, die für die Menschen da sind! Eine wunderbare Schöpfung!

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    1. Liebe "akinom" - niemand muss bei mir eine Lanze für Tiere schlagen, oder für praktizierte Tierliebe, oder für Empörung angesichts von Tierquälerei. Ich halte mich (exklusive Spinnen) selbst für durchaus tierlieb.

      Mein Blogbeitrag hatte einen anderen Hintergrund, der dir vielleicht nicht so geläufig ist, falls du selbst nicht so sehr online (z.B. Facebook) "unterwegs" bist:

      Dort gibt es viele Beiträge, die von Tierschicksalen berichten. Misshandelte Tiere, ausgesetzte Tiere etc. Die Kommentarspalten unter diesen Beiträgen füllen sich innerhalb von Minuten, und nach wenigen Stunden hast du hunderte bis tausende von Beiträgen, die sich alle zwischen Mitleidsbekundungen für das Tier und Hass auf den Täter bewegen. Es gibt sozusagen "eine große Welle".

      Dann gibt es dort auch viele Beiträge zu Flüchtlingsschicksalen, zu den Greueltagen von IS & Co., zu den Verfolgungen, denen Menschen in ihrer Heimat ausgesetzt sind.

      Die Kommentarspalten dort sind zweigeteilt - was ich nur darin begründet sehe, wie sehr und wo die jeweiligen Beiträge verbreitet werden.

      Entweder gibt es eine kleine "Klientel" der stets gleichen Leute, die auf solche Beiträge mit Mitleid und Empörung reagieren, sowie eine - weitaus größere - Gruppe jener, die achselzuckend sagen "Ja, ist schlimm, aber was sollen wir tun? Wir können nicht jedem helfen".

      Oder es gibt Kommentare zuhauf aus Ecken, die "selber schuld" in tausend Varianten propagieren, wenn es um das Schicksal der Flüchtlinge geht.

      Und diese Diskrepanz, liebe "akinom", zwischen bedingungslosem Mitleid für jedes Tier (ob man nun selber helfen kann oder auch nicht) und der - im besten Fall - Gleichgültigkeit menschlichem Schicksal gegenüber, die hatte ich hier aufzeigen wollen.

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