...leider nicht immer auch "good news". Im Falle der zum Tode verurteilten sudanesischen Christin Meriam Ishaq würde ich sogar sagen: "No news is bad news", weil damit droht, dass die "Sache" außerhalb des Sudan in Vergessenheit gerät. Das könnte natürlich genau das Ziel einer Regierung und eines sogenannten "Gerichts" sein, die eine 27jährige Schwangere mitsamt Kind in die Todeszelle werfen, sie dort in Fußfesseln ihr 2. Kind zur Welt bringen lassen und ihr zugleich gnädig erlauben, ihren Säugling noch ca. 2 Jahre zu stillen, ehe man sie auspeitscht und anschließend aufhängt. Ich habe ja schon mehrfach dazu geschrieben, z.B.
hier und hier
Zur Frage, ob Meriam vielleicht "nur" ausgepeitscht wird, bringt der Focus einen Artikel, der einmal deutlich macht, was es mit diesem "nur" auf sich hat.
Die Schweizer "Blick" stellt eine kurze Fotoserie online, auf der Meriam zu sehen ist, wie sie heute, nach einem halben Jahr Haft und der Geburt ihres 2. Kindes, aussieht. Die "Blick" titelt, Meriam wirke glücklich und entspannt. Ich wünsche ihr sehr, dass sie ihre derzeitige Situation mit Fassung tragen kann. Doch wenn ich ihr Gesicht auf diesen Bildern anschaue, und dann ihr Hochzeitsfoto aus glücklichen Zeiten, dann wird mir klar, WAS diese Frau im letzten halben Jahr durchgemacht hat (und weiter durchmacht!).
Und trotz unzähliger Protestnoten und Petitionen (übrigens auch auf der Internetseite des Weißen Hauses) hört man aus den USA von offizieller Seite... nichts. Und das, obwohl Meriams Ehemann die US-Staatsbürgerschaft besitzt. Ich hoffe ja immer noch, dass die diplomatischen Kanäle im "Geheimen" arbeiten, aber so recht daran glauben mag ich nicht.
Wir können von uns aus hier nur dafür sorgen, dass Meriam nicht vergessen wird. Und immer und immer wieder darum bitten, sich an den diversen Aktionen im Internet zu beteiligen:
Amnesty International
Change.org
Facebook
Ach, nee, ich verkneife mir den Nachsatz doch nicht:
Falls jemand dies hier zufällig liest, der sich vielleicht gerade an den Schreibtisch setzen und an einer Weiterführung der gendergerechten Sprachbildung arbeiten wollte, da hätt' ich einen Vorschlag:
Ins Auto oder in die Bahn setzen, paar gute FreundInnen mitnehmen, nach Berlin fahren, auf den Kurfürstendamm, und dort eine Spontandemo für Frauenrechte und Religionsfreiheit vor der sudanesischen Botschaft veranstalten. Ihr würdet eure Zeit glatt mal mit etwas Sinnvollem verbringen. (Und wenn ihr euch dazu nicht aufraffen könnt: Vielleicht wenigstens 'ne Email hinschicken?)
Ich mein' ja mal nur.
Montag, 16. Juni 2014
Sonntag, 15. Juni 2014
"Schützenfest - ich hab' gedacht, dann wäre die Kirche mal voll."
So meinte heute Morgen nach der Messe eine Dame neben mir zu ihrem Mann.
Das war sie bis vor wenigen Jahren auch. Wenigstens dann. Weihnachten, Ostern, Schützenfest - die drei Male, an denen man unsere Gemeindekirche bis auf den letzten Platz belegt sehen konnte.
Heute, zugegeben, hat es sogar mich überrascht: Vom "einmarschierenden" Schützenvolk mal abgesehen, waren vielleicht noch 20-30 weitere Messbesucher anwesend.
Das alles innerhalb nur einiger weniger Jahre. (Denn vor einigen Jahren war es tatsächlich noch so, dass man heute sehr früh hätte eintreffen müssen, um nicht die Messe im wahrsten Wortsinne durch-stehen zu müssen.) Wie geht das?
Dass in den wenigen letzten Jahren die Hälfte unserer Gemeinde vom Glauben abgefallen ist, also, das glaube nun wieder ich nicht.
Wie man eine lebendige Kirchengemeinde kaputtmacht, in mehreren Kurzlektionen:
Erst einmal schließe man diese Gemeinde mit zwei weiteren zu einer GDG (Gemeinschaft Der Gemeinden) zusammen. Das ist an sich ja noch nichts schlimmes, sondern leider meist unvermeidbar.
Dann setze man jedoch einen recht autokratisch agierenden Pfarrer als Leiter der GDG ein. Vorzugsweise nehme man einen Mann, der vorher noch nie einen Fuß in die zu zerstörende Gemeinde gesetzt hat, auf dass er nicht durch Kenntnisse der Eigenheiten vor Ort oder etwa persönlicher Freundschaften in seinen Entscheidungen beeinflusst werde.
Dem aus Altersgründen scheidenden Pfarrer der zuvor selbstständigen Gemeinde (der vor Ort wohnhaft bleibt) bedeute man, er werde für den Messdienst nicht mehr benötigt; er solle seinen Ruhestand genießen.
Dem Pater eines umliegenden Klosters, der oft und gerne als Urlaubs- und Krankenvertretung bei der Messfeier eingesprungen war (und der bei den Menschen der Gemeinde geradezu unangenehm beliebt war), sage man klipp und klar, er werde nicht mehr gebraucht.
Bei den Sonntagsmessen verfahre man sehr gewitzt: Erst teile man die Messen und Wortgottesdienste abwechselnd auf die drei Kirchen auf. Nach und nach ziehe man mehr und mehr Sonntagsmessen auf die eigene Kirche. Gleichzeitig rühme man die Qualität der Wortgottesdienste der anderen Kirchen. Weil dort aber der Besuch desselben trotz der vielgelobten Quoalität immer weiter abnimmt (komisch: scheint, als wollten die Leute eben doch sonntags gerne eine Messe?), schränke man auch die Zahl der Wortgottesdienste immer weiter ein. Stellt man es klug an, ist man im Jahre 2014 so weit, dass sich selbst an Christi Himmelfahrt oder Pfingsten (fast) niemand mehr verwundert die Augen reibt, wenn er feststellt, dass in besagter Gemeindekirche an diesen Hochfesten die Kirche geschlossen bleibt, wegen Isnich.
Zwischendurch "schasst" man den Kirchenchor der kleinen Gemeinde, indem man beim Bistum Aachen dessen Auflösung betreibt. "Das Tischtuch ist zerschnitten", sagte hierzu der Pfarrer, der dem Chor dann auch gleich ein Auftrittsverbot erteilt. (Ein Jahr vor der jetzt stattfindenden Heiligtumsfahrt unter dem Titel "Du deckst mir den Tisch" schon wieder so eine unerkannte Ironie.) Und das gute Bistum ließ sich dann auch tatsächlich überreden, einem Kirchenchor, der im gleichen Jahr sein 90jähriges Bestehen feierte, die Selbstauflösung zu befehlen. Das Jubiläumskonzert zur 90-Jahrfeier musste der Chor in einer Turnhalle geben, weil ihnen nicht einmal hierzu die Kirche offenstand.
Aber einen Chor braucht die Gemeinde natürlich. Da sei man klug und unterstütze stattdessen den noch recht neuen Gospelchor. Der singt dann - wie heute geschehen - bei der Kommunion "We are the world" (ich beiße immer noch in die Tischkante, wenn ich nur daran denke) mit Musik aus der Konserve. Und begleitet auch sonst die Messe mit mehr oder weniger schlecht gemachten englischen Pseudogospelgesängen. Der perfekte Coup: Die älteren Leute verstehen kein Wort, weil sie kein Englisch sprechen. Jene mit einem Rest von Stilgefühl beißen in die Tischkante. Jene, die schon mal echten Gospel gehört haben, erst recht. Und der Rest sitzt da und wundert sich.
Ach so, ja, die Messe anlässlich eines solchen Schützenfestes lasse man ruhig den Altpfarrer feiern. Man sorge nur vorher dafür, dass er auf die Gestaltung keinen Einfluss nehmen darf. Am besten so, dass er, der Altpfarrer, sogar während der Messe mehrmals die ihn Umstehenden fragen muss, was denn als nächstes vorgesehen sei.
Nächsten Sonntag nach der Messe (natürlich wieder in der Kirche des GDG-Pfarrers) ist eine Gemeindeversammlung angesetzt. Es soll eine neue Gottesdienstregelung vorgestellt werden. Unser Altpfarrer wies hierauf heute am Schluss der Messe hin ("Verdammt, war der nicht gebrieft?"), und sein Aufruf, sich dort doch bitte aktiv einzubringen, hatte schon etwas flehentliches. Das lässt mich Arges befürchten.
Ja, so wird eine lebendige Gemeinde innerhalb weniger Jahre kaputtgemacht.
Das war sie bis vor wenigen Jahren auch. Wenigstens dann. Weihnachten, Ostern, Schützenfest - die drei Male, an denen man unsere Gemeindekirche bis auf den letzten Platz belegt sehen konnte.
Heute, zugegeben, hat es sogar mich überrascht: Vom "einmarschierenden" Schützenvolk mal abgesehen, waren vielleicht noch 20-30 weitere Messbesucher anwesend.
Das alles innerhalb nur einiger weniger Jahre. (Denn vor einigen Jahren war es tatsächlich noch so, dass man heute sehr früh hätte eintreffen müssen, um nicht die Messe im wahrsten Wortsinne durch-stehen zu müssen.) Wie geht das?
Dass in den wenigen letzten Jahren die Hälfte unserer Gemeinde vom Glauben abgefallen ist, also, das glaube nun wieder ich nicht.
Wie man eine lebendige Kirchengemeinde kaputtmacht, in mehreren Kurzlektionen:
Erst einmal schließe man diese Gemeinde mit zwei weiteren zu einer GDG (Gemeinschaft Der Gemeinden) zusammen. Das ist an sich ja noch nichts schlimmes, sondern leider meist unvermeidbar.
Dann setze man jedoch einen recht autokratisch agierenden Pfarrer als Leiter der GDG ein. Vorzugsweise nehme man einen Mann, der vorher noch nie einen Fuß in die zu zerstörende Gemeinde gesetzt hat, auf dass er nicht durch Kenntnisse der Eigenheiten vor Ort oder etwa persönlicher Freundschaften in seinen Entscheidungen beeinflusst werde.
Dem aus Altersgründen scheidenden Pfarrer der zuvor selbstständigen Gemeinde (der vor Ort wohnhaft bleibt) bedeute man, er werde für den Messdienst nicht mehr benötigt; er solle seinen Ruhestand genießen.
Dem Pater eines umliegenden Klosters, der oft und gerne als Urlaubs- und Krankenvertretung bei der Messfeier eingesprungen war (und der bei den Menschen der Gemeinde geradezu unangenehm beliebt war), sage man klipp und klar, er werde nicht mehr gebraucht.
Bei den Sonntagsmessen verfahre man sehr gewitzt: Erst teile man die Messen und Wortgottesdienste abwechselnd auf die drei Kirchen auf. Nach und nach ziehe man mehr und mehr Sonntagsmessen auf die eigene Kirche. Gleichzeitig rühme man die Qualität der Wortgottesdienste der anderen Kirchen. Weil dort aber der Besuch desselben trotz der vielgelobten Quoalität immer weiter abnimmt (komisch: scheint, als wollten die Leute eben doch sonntags gerne eine Messe?), schränke man auch die Zahl der Wortgottesdienste immer weiter ein. Stellt man es klug an, ist man im Jahre 2014 so weit, dass sich selbst an Christi Himmelfahrt oder Pfingsten (fast) niemand mehr verwundert die Augen reibt, wenn er feststellt, dass in besagter Gemeindekirche an diesen Hochfesten die Kirche geschlossen bleibt, wegen Isnich.
Zwischendurch "schasst" man den Kirchenchor der kleinen Gemeinde, indem man beim Bistum Aachen dessen Auflösung betreibt. "Das Tischtuch ist zerschnitten", sagte hierzu der Pfarrer, der dem Chor dann auch gleich ein Auftrittsverbot erteilt. (Ein Jahr vor der jetzt stattfindenden Heiligtumsfahrt unter dem Titel "Du deckst mir den Tisch" schon wieder so eine unerkannte Ironie.) Und das gute Bistum ließ sich dann auch tatsächlich überreden, einem Kirchenchor, der im gleichen Jahr sein 90jähriges Bestehen feierte, die Selbstauflösung zu befehlen. Das Jubiläumskonzert zur 90-Jahrfeier musste der Chor in einer Turnhalle geben, weil ihnen nicht einmal hierzu die Kirche offenstand.
Aber einen Chor braucht die Gemeinde natürlich. Da sei man klug und unterstütze stattdessen den noch recht neuen Gospelchor. Der singt dann - wie heute geschehen - bei der Kommunion "We are the world" (ich beiße immer noch in die Tischkante, wenn ich nur daran denke) mit Musik aus der Konserve. Und begleitet auch sonst die Messe mit mehr oder weniger schlecht gemachten englischen Pseudogospelgesängen. Der perfekte Coup: Die älteren Leute verstehen kein Wort, weil sie kein Englisch sprechen. Jene mit einem Rest von Stilgefühl beißen in die Tischkante. Jene, die schon mal echten Gospel gehört haben, erst recht. Und der Rest sitzt da und wundert sich.
Ach so, ja, die Messe anlässlich eines solchen Schützenfestes lasse man ruhig den Altpfarrer feiern. Man sorge nur vorher dafür, dass er auf die Gestaltung keinen Einfluss nehmen darf. Am besten so, dass er, der Altpfarrer, sogar während der Messe mehrmals die ihn Umstehenden fragen muss, was denn als nächstes vorgesehen sei.
Nächsten Sonntag nach der Messe (natürlich wieder in der Kirche des GDG-Pfarrers) ist eine Gemeindeversammlung angesetzt. Es soll eine neue Gottesdienstregelung vorgestellt werden. Unser Altpfarrer wies hierauf heute am Schluss der Messe hin ("Verdammt, war der nicht gebrieft?"), und sein Aufruf, sich dort doch bitte aktiv einzubringen, hatte schon etwas flehentliches. Das lässt mich Arges befürchten.
Ja, so wird eine lebendige Gemeinde innerhalb weniger Jahre kaputtgemacht.
Freitag, 13. Juni 2014
Rheydt von oben
Heute nur einmal einige Ansichten auf Rheydt und seine derzeitige Großbaustelle. Ungleich der Großbaustelle in Gladbach bekommt man hier allerdings einen Vorgeschmack auf ein gelungenes und schönes Projekt, das auch den Gastwirten und Geschäftsleuten der Innenstadt einen guten Zulauf bringen kann.
Vielleicht liegt es ja daran, dass in Gladbach nichts ohne einen "Masterplan" geht - während man in Rheydt eben einfach macht.
Vielleicht liegt es ja daran, dass in Gladbach nichts ohne einen "Masterplan" geht - während man in Rheydt eben einfach macht.
Mittwoch, 11. Juni 2014
Friedensgebet im Vatikan - Unfrieden in Deutschland
In Kurzform die Vorgeschichte:
Anlässlich seiner Reise in den Nahen Osten hatte Papst Franziskus Israels Präsidenten Schimon Peres und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas nach Rom zu einem gemeinsamen Friedensgebet eingeladen. Dieses hat zu Pfingsten in den Gärten des Vatikan stattgefunden.
Es war ausdrücklich kein politisches Zusammentreffen. Herr Peres, Herr Abbas und Papst Franziskus ergriffen jeweils das Wort, und außerdem wurde... naja... eben gebetet.
Jetzt mag man wunderbar streiten über den Sinn eines solchen Treffens, oder den Wert des Betens an sich - aber lassen wir das mal beiseite.
Kurz nach dem Friedensgebet begann im virtuellen Deutschland (und tatsächlich, soweit ich das recherchieren kann, NUR in Deutschland) eine Debatte über den Imam, der u.a. eine - wie es heißt - vorher nicht angemeldete und - wie es ebenfalls heißt - hetzerische Koransure in sein Gebet "eingebaut" habe.
Ausgelöst wurde dies, soweit ich verstand, durch Hamed Abdel-Samad, der auf seiner Facebook-Seite am Sonntag schrieb:
„Im Garten des Vatikans beschließt der muslimische Geistliche sein Gebet mit dem Koranvers: Möge Allah uns zum Sieg gegen die Ungläubigen verhelfen! Das nenne ich ein Friedensgebet!“
Seitdem sind die Lager sozusagen gespalten: Für die einen ist Herr Abdel-Samad ein Lügner, oder doch zumindest jemand, dessen Arabisch- bzw. Korankenntnisse unzureichend sind für eine solche Übersetzung. Für die anderen ist er der Rufer in der Wüste, der aufzeigt, dass "man" wieder mal den Muslimen auf den Leim gegangen ist .
Eines ganz klar zwischengeschoben:
Auf den Vorwurf, der Imam habe den Koranvers ohne vorherige Anmeldung sozusagen "eingebaut", gehe ich hier nicht ein, und zwar einfach deshalb, weil ich das unmöglich wissen oder überprüfen kann. Radio Vatikan bestreitet es jedenfalls, und legt gleichzeitig eine (die Verschwörungstheoretiker werden sagen: angeblich) vollständige Wiedergabe sämtlicher Texte vor. Andere wiederum sagen: "Pfhh, im Vatikan spricht niemand Arabisch - die haben überhaupt nicht bemerkt, dass da etwas eingeschoben wurde, ehe es zu spät war." Auch das kann ich nicht wissen, und deshalb bleibt es hier im Raume stehen.
Bleiben wir aber mal bei Herrn Abdel-Samad (den ich übrigens aus der Satiresendung Entweder Broder schätze) und bei seiner Behauptung. Wenn denn nun der Imam anlässlich des Friedensgebetes diesen Satz
"Möge Allah uns zum Sieg gegen die Ungläubigen verhelfen!"
in sein Gebet eingeschleust hätte, und zwar in genau diesem Sinn - dann wäre das ein sehr starkes Stück, und ich nähme das Wort "Hinterlist", das in diesem Zusammenhang gefallen ist, jederzeit auf und gäbe es weiter.
Nur frage ich mich: Wurden diese Gebete in den Gärten des Vatikans denn im Ausland nicht auch verfolgt? Saß denn da nicht auch der eine oder andere mit so guten Arabischkenntnissen vor dem Bildschirm, dass er aufmerkte, als dieser Satz fiel? Und hätte man in diesem Fall, bei der heutigen globalen Vernetzung, also nicht auch auf Websites anderer Länder auf den einen oder anderen "Aufschrei" stoßen müssen? Ich finde jedenfalls nichts.
Nun stoße ich aber auf Herrn Abdel-Samads Facebookseite auf einen neueren Eintrag (Dienstag, 10. Juni) zum gleichen Thema. Dort schreibt er nun:
"Radio Vatikan bestreitet dass der muslimische Geistliche am 8 Juni im Garten des Vatikan zum Sieg gegen die Ungläubigen gebetet hat. Hier nochmal den Koranvers (übersetzt von Rudi Paret), den der Gesitliche in seinem Gebet benutzt hat: Allah verlangt von niemandem mehr, als er (zu leisten) vermag. Jedem kommt (dereinst) zugute, was er (im Erdenleben an guten Taten) begangen hat, und (jedem kommt) auf sein Schuldkonto, was er sich (an bösen Taten) geleistet hat. Herr! Belange uns nicht, wenn wir vergeßlich waren oder uns versehen haben! Herr! Lad uns nicht eine drückende Verpflichtung (isr) auf, wie du sie denen aufgeladen hast, die vor uns lebten! Herr! Belaste uns nicht mit etwas, wozu wir keine Kraft haben! Verzeih uns, vergib uns und erbarm dich unser! Du bist unser Schutzherr, hilf uns gegen das Volk der Ungläubigen! (sure 2, letzter Vers)"
Hier nutzt Herr Abdel-Samad eine Übersetzung des betreffenden Koranverses, die nicht von ihm selber stammt (ob die erste Übersetzung von ihm war, oder von einem anderen Übersetzer, weiß ich nicht). Und dazu habe ich nun die folgenden Gedanken:
Erstens sehe ich zwischen
"Möge Allah uns zum Sieg gegen die Ungläubigen verhelfen!"
und
"Du bist unser Schutzherr, hilf uns gegen das Volk der Ungläubigen!"
schon mal einen... hm... "gewissen" Unterschied.
Zweitens muss man sagen: Wer sich schon einmal, und sei es nur im geringsten Maße, mit der Psalmenauslegung (die ich jetzt mal zum Vergleich heranziehe) beschäftigt hat, der weiß zweierlei:
a) Niemals einen Satz außerhalb des Kontextes lesen!
b) Immer die Wörter (ALLE Wörter!) bis ins Kleinste durchdenken und auf die Goldwaage legen!
Wenn ich also jetzt diesen beiden Regeln folge, dann schaue ich erst mal auf den Kontext der hier übersetzten Sure und frage mich: "Was soll denn hier erbeten werden?"
Wie oft auch in unseren Psalmen, beginnt der Text mit dem Lob Gottes/Allahs:
Er weiß, was jeder einzelne Mensch leisten kann und ist barmherzig genug, nicht mehr aufzuerlegen, als der Einzelne tragen kann.
Er wird den Menschen gerecht richten und dabei Gutes und Böses seines Lebensweges abwägen.
Dann folgen die Bitten:
Wenn wir ohne Absicht gesündigt haben, rechne es uns nicht an!
Mache unsere Lasten leichter als die jener, die vor uns waren!
Gib uns keine Lasten, die wir nicht tragen können!
Verzeih' uns, sei barmherzig!
So, und nun zur letzten Bitte - dem großen "Aufreger" dieser Tage:
Du bist unser Schutzherr, hilf uns gegen das Volk der Ungläubigen! (sure 2, letzter Vers)"
"Schutzherr" steht da. Nicht "Streitherr" oder "Kämpfer" oder "Anführer im Kampf". Da wird um Schutz gebeten, nicht um Kraft (im Kampf, oder wie auch immer), sondern um Hilfe "gegen das Volk der Ungläubigen".
Läse ich jetzt nur "hilf uns gegen das Volk der Ungläubigen", ja, dann könnte ich das als Aufruf lesen "steh' uns bei im Kampf gegen die Ungläubigen". Aber bei gleichzeitiger Bitte um Schutz? Das scheint mir wenig stimmig. Und dies ganz besonders im Kontext zu den vorangegangenen Sätzen: Der Beter macht sich hier doch vor Gott/Allah ganz klein! Er gibt zu, gesündigt zu haben, aus purer Vergesslichkeit und/oder Unaufmerksamkeit. Er gibt zu, dass seine Vorfahren stärker waren, stärkere Lasten (er)tragen konnten als er es vor Gott/Allah kann. Er bittet um Vergebung und Barmherzigkeit. Für mich kleinen Laien ist dies ein einziges Gebet aus der Bedrängnis heraus gesprochen. Ich kann hier keinen Kampfaufruf entdecken.
Meine Güte, dieses Gebet könnte jeder Katholik zu "seinem" Gott sprechen, ohne sich etwas zu vergeben oder dadurch zum Moslem zu werden. Und im Grunde tun wir das sogar, mit jedem "Vaterunser", denn ich für mich erkenne da durchaus Parallelen.
Wie gesagt, ich schätze Herrn Abdel-Samad. Und frage mich, ob er nicht einfach - aus seiner neueren Lebensgeschichte heraus sogar verständlicherweise - anfänglich überreagiert hat.
Anlässlich seiner Reise in den Nahen Osten hatte Papst Franziskus Israels Präsidenten Schimon Peres und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas nach Rom zu einem gemeinsamen Friedensgebet eingeladen. Dieses hat zu Pfingsten in den Gärten des Vatikan stattgefunden.
Es war ausdrücklich kein politisches Zusammentreffen. Herr Peres, Herr Abbas und Papst Franziskus ergriffen jeweils das Wort, und außerdem wurde... naja... eben gebetet.
Jetzt mag man wunderbar streiten über den Sinn eines solchen Treffens, oder den Wert des Betens an sich - aber lassen wir das mal beiseite.
Kurz nach dem Friedensgebet begann im virtuellen Deutschland (und tatsächlich, soweit ich das recherchieren kann, NUR in Deutschland) eine Debatte über den Imam, der u.a. eine - wie es heißt - vorher nicht angemeldete und - wie es ebenfalls heißt - hetzerische Koransure in sein Gebet "eingebaut" habe.
Ausgelöst wurde dies, soweit ich verstand, durch Hamed Abdel-Samad, der auf seiner Facebook-Seite am Sonntag schrieb:
„Im Garten des Vatikans beschließt der muslimische Geistliche sein Gebet mit dem Koranvers: Möge Allah uns zum Sieg gegen die Ungläubigen verhelfen! Das nenne ich ein Friedensgebet!“
Seitdem sind die Lager sozusagen gespalten: Für die einen ist Herr Abdel-Samad ein Lügner, oder doch zumindest jemand, dessen Arabisch- bzw. Korankenntnisse unzureichend sind für eine solche Übersetzung. Für die anderen ist er der Rufer in der Wüste, der aufzeigt, dass "man" wieder mal den Muslimen auf den Leim gegangen ist .
Eines ganz klar zwischengeschoben:
Auf den Vorwurf, der Imam habe den Koranvers ohne vorherige Anmeldung sozusagen "eingebaut", gehe ich hier nicht ein, und zwar einfach deshalb, weil ich das unmöglich wissen oder überprüfen kann. Radio Vatikan bestreitet es jedenfalls, und legt gleichzeitig eine (die Verschwörungstheoretiker werden sagen: angeblich) vollständige Wiedergabe sämtlicher Texte vor. Andere wiederum sagen: "Pfhh, im Vatikan spricht niemand Arabisch - die haben überhaupt nicht bemerkt, dass da etwas eingeschoben wurde, ehe es zu spät war." Auch das kann ich nicht wissen, und deshalb bleibt es hier im Raume stehen.
Bleiben wir aber mal bei Herrn Abdel-Samad (den ich übrigens aus der Satiresendung Entweder Broder schätze) und bei seiner Behauptung. Wenn denn nun der Imam anlässlich des Friedensgebetes diesen Satz
"Möge Allah uns zum Sieg gegen die Ungläubigen verhelfen!"
in sein Gebet eingeschleust hätte, und zwar in genau diesem Sinn - dann wäre das ein sehr starkes Stück, und ich nähme das Wort "Hinterlist", das in diesem Zusammenhang gefallen ist, jederzeit auf und gäbe es weiter.
Nur frage ich mich: Wurden diese Gebete in den Gärten des Vatikans denn im Ausland nicht auch verfolgt? Saß denn da nicht auch der eine oder andere mit so guten Arabischkenntnissen vor dem Bildschirm, dass er aufmerkte, als dieser Satz fiel? Und hätte man in diesem Fall, bei der heutigen globalen Vernetzung, also nicht auch auf Websites anderer Länder auf den einen oder anderen "Aufschrei" stoßen müssen? Ich finde jedenfalls nichts.
Nun stoße ich aber auf Herrn Abdel-Samads Facebookseite auf einen neueren Eintrag (Dienstag, 10. Juni) zum gleichen Thema. Dort schreibt er nun:
"Radio Vatikan bestreitet dass der muslimische Geistliche am 8 Juni im Garten des Vatikan zum Sieg gegen die Ungläubigen gebetet hat. Hier nochmal den Koranvers (übersetzt von Rudi Paret), den der Gesitliche in seinem Gebet benutzt hat: Allah verlangt von niemandem mehr, als er (zu leisten) vermag. Jedem kommt (dereinst) zugute, was er (im Erdenleben an guten Taten) begangen hat, und (jedem kommt) auf sein Schuldkonto, was er sich (an bösen Taten) geleistet hat. Herr! Belange uns nicht, wenn wir vergeßlich waren oder uns versehen haben! Herr! Lad uns nicht eine drückende Verpflichtung (isr) auf, wie du sie denen aufgeladen hast, die vor uns lebten! Herr! Belaste uns nicht mit etwas, wozu wir keine Kraft haben! Verzeih uns, vergib uns und erbarm dich unser! Du bist unser Schutzherr, hilf uns gegen das Volk der Ungläubigen! (sure 2, letzter Vers)"
Hier nutzt Herr Abdel-Samad eine Übersetzung des betreffenden Koranverses, die nicht von ihm selber stammt (ob die erste Übersetzung von ihm war, oder von einem anderen Übersetzer, weiß ich nicht). Und dazu habe ich nun die folgenden Gedanken:
Erstens sehe ich zwischen
"Möge Allah uns zum Sieg gegen die Ungläubigen verhelfen!"
und
"Du bist unser Schutzherr, hilf uns gegen das Volk der Ungläubigen!"
schon mal einen... hm... "gewissen" Unterschied.
Zweitens muss man sagen: Wer sich schon einmal, und sei es nur im geringsten Maße, mit der Psalmenauslegung (die ich jetzt mal zum Vergleich heranziehe) beschäftigt hat, der weiß zweierlei:
a) Niemals einen Satz außerhalb des Kontextes lesen!
b) Immer die Wörter (ALLE Wörter!) bis ins Kleinste durchdenken und auf die Goldwaage legen!
Wenn ich also jetzt diesen beiden Regeln folge, dann schaue ich erst mal auf den Kontext der hier übersetzten Sure und frage mich: "Was soll denn hier erbeten werden?"
Wie oft auch in unseren Psalmen, beginnt der Text mit dem Lob Gottes/Allahs:
Er weiß, was jeder einzelne Mensch leisten kann und ist barmherzig genug, nicht mehr aufzuerlegen, als der Einzelne tragen kann.
Er wird den Menschen gerecht richten und dabei Gutes und Böses seines Lebensweges abwägen.
Dann folgen die Bitten:
Wenn wir ohne Absicht gesündigt haben, rechne es uns nicht an!
Mache unsere Lasten leichter als die jener, die vor uns waren!
Gib uns keine Lasten, die wir nicht tragen können!
Verzeih' uns, sei barmherzig!
So, und nun zur letzten Bitte - dem großen "Aufreger" dieser Tage:
Du bist unser Schutzherr, hilf uns gegen das Volk der Ungläubigen! (sure 2, letzter Vers)"
"Schutzherr" steht da. Nicht "Streitherr" oder "Kämpfer" oder "Anführer im Kampf". Da wird um Schutz gebeten, nicht um Kraft (im Kampf, oder wie auch immer), sondern um Hilfe "gegen das Volk der Ungläubigen".
Läse ich jetzt nur "hilf uns gegen das Volk der Ungläubigen", ja, dann könnte ich das als Aufruf lesen "steh' uns bei im Kampf gegen die Ungläubigen". Aber bei gleichzeitiger Bitte um Schutz? Das scheint mir wenig stimmig. Und dies ganz besonders im Kontext zu den vorangegangenen Sätzen: Der Beter macht sich hier doch vor Gott/Allah ganz klein! Er gibt zu, gesündigt zu haben, aus purer Vergesslichkeit und/oder Unaufmerksamkeit. Er gibt zu, dass seine Vorfahren stärker waren, stärkere Lasten (er)tragen konnten als er es vor Gott/Allah kann. Er bittet um Vergebung und Barmherzigkeit. Für mich kleinen Laien ist dies ein einziges Gebet aus der Bedrängnis heraus gesprochen. Ich kann hier keinen Kampfaufruf entdecken.
Meine Güte, dieses Gebet könnte jeder Katholik zu "seinem" Gott sprechen, ohne sich etwas zu vergeben oder dadurch zum Moslem zu werden. Und im Grunde tun wir das sogar, mit jedem "Vaterunser", denn ich für mich erkenne da durchaus Parallelen.
Wie gesagt, ich schätze Herrn Abdel-Samad. Und frage mich, ob er nicht einfach - aus seiner neueren Lebensgeschichte heraus sogar verständlicherweise - anfänglich überreagiert hat.
Montag, 9. Juni 2014
Frieren in der Kirche...
...kann verschiedene Ursachen haben. Ich habe heute in unserem Münster gefroren. Okay, zugegeben, der Temperatursturz (draußen 30°C, im Inneren des "Altbaus" gefühlte 10°C) war eben nur in den ersten Minuten angenehm, und ich friere nun mal schneller als dass ich ins Schwitzen gerate.
Aber man kann in unseren Kirchen hier in der Stadt auch innerlich das Frieren lernen.
Da stand ich nun während der Wandlung im Münster. Dass ein Hinknien nicht möglich war, weil man im Zuge der Modernisierung vor einigen Jahren die "altmodischen" Bänke durch Strohstühle ersetzt hatte, schien niemanden zu stören. Klar, darüber kann man jetzt prima streiten - braucht man das? Hinknien? Mich ärgert aber, dass man mir nicht mal die Wahl lässt.
Der Priester nutzte dann den Pfingstmontag zu einem Referat, wie viele Sprachen in unserer Stadt gesprochen würden, und wie bewundernswert er Menschen fände, die eine Begabung für Fremdsprachen hätten - seiner Meinung nach müssten diese Menschen ganz besonders vom Heiligen Geist berührt sein. Dass er gleich danach zugab, selber in dieser Hinsicht völlig talentlos zu sein - okay, DAS war dann wirklich von unfreiwilliger Komik.
Nicht komisch fand ich, als - nach einem Aufruf zu Toleranz und Verständnis allen anderen Religionen gegenüber (was ich vollkommen unterstütze) - als Begründung für diesen Aufruf angeführt wurde, wir würden ja alle zum selben Gott beten, Er hätte eben nur verschiedene Namen: Bei uns eben Gott, im Islam Allah, und die Juden würden aus Respekt Seinen Namen nicht aussprechen - aber abgesehen vom Namen gäbe es ja keine Unterschiede; es wäre immer derselbe Gott.
Sagt das mal einem Juden oder einem Moslem... der hat dazu sicherlich so das eine oder andere zu sagen...
Ach ja, die Kommunionausteilung darf ich nicht vergessen: Da stand also der Priester mittig und teilte aus. Rechts und links von ihm in den Seitenschiffen standen Frauen mit Kelchen. Ich habe erst nicht verstanden, was das sollte - und dann mit offenem Mund zugeschaut, als die Leute vom Priester weg, die Hostie zwischen den Fingern, nach rechts oder links in die Seitenschiffe gingen und dort die Hostie in den Wein (ja, ja, ich weiß: Blut Christi - ich gebe hier nur sachlich wieder, was ich sah) tauchten und erst dann in den Mund steckten. Manche trugen die Hostie dabei so leger zwischen zwei Fingern, dass ich nur darauf gewartet habe, dass sie zu Boden fiele.
Gut, nun nennt mich erzkonservativ, aber ich kann nicht anders: Nach meinem Verständnis dessen, was bei der Wandlung vor sich geht, und was die Hostie anschließend ist (IST! Nicht 'repräsentiert'!), war das heute ein solches No-Go, dass ich hätte heulen können.
Und wie sieht es sonst so aus mit unseren Kirchen hier im Städtchen? Naja, alle kenne ich natürlich nicht. Meine eigene kleine Gemeindekirche - die Gründung der GDG vor einigen Jahren lässt herzlich grüßen. Erst nahm die Zahl der sonntäglichen Wortgottesdienste zu. Dann wurde der altgediente Kirchenchor "geschasst". Und dieses Jahr hatten wir zu Himmelfahrt - nichts. Keine Messe, keinen Gottesdienst, keine Andacht - nix. Zu Pfingstsonntag gab es wenigstens einen Wortgottesdienst.
Und dann wäre da die große Citykirche eines anderen Stadtteils. Dort war ich zuletzt zwei Mal:
Einmal in einer Abendmesse. Die begann mit fast 10 Minuten Verspätung. Aus welchem Grund auch immer - aber der Priester tat sein Äußerstes, diese Verspätung wieder aufzuholen (die Bahn schafft sowas eher selten, aber er schien darin recht geübt zu sein). Da wurde ausgelassen und verkürzt, was nur ausgelassen und verkürzt werden konnte, und der Rest so schnell gesprochen, dass man kaum etwas verstand - macht ja nix, man kennt die Texte ja. Ich kann's bis heute nicht so wirklich erklären, wieso bei mir so gar keine Andacht aufkommen wollte.
Ja, und dann die Mittagsmesse. Da hatte ich kürzlich einen "Brückentag" und war in der Stadt - und da ich wusste, es war dort für 12 Uhr eine Mittagsmesse angesetzt, ging ich hin. Um 5 vor 12. Keiner da. Um 12. Keiner da. Um 5 nach 12. Keiner da. Messe ausgefallen, weil wegen issnich. Gering besuchte Messen kennt man ja leider, aber sowas? War mir jedenfalls bis dahin neu.
Und dann gibt's da in einer Nachbarstadt ein Klosterkirchlein mitten in der Innenstadt. Wenn ich das jetzt mit den vorangegangenen Erlebnissen vergleiche, muss ich tatsächlich an das kleine gallische Dorf von Asterix und Obelix denken, dass so vortrefflich dem Zeitgeist... äh, also, ich meine... den Römern trotzte. Als ich dort zum ersten Mal samstags durch Zufall in eine Mittagsmesse geriet, habe ich mich noch gefragt, ob ich einen Feiertag übersehen hätte: Kirche proppenvoll. Doch das "schaffen" die dort jeden Tag - auch den ganz normalen Arbeitstagen mitten in der Woche. Woran es liegt, weiß ich nicht. Okay, gut, die Feierlichkeit, mit der dort die Eucharistie zelebriert wird, ist schon recht nett. Und auch, dass man beim jeweiligen diensthabenden Priester so viel Liebe für seinen Job spürt, ist ja nicht ganz falsch.
Trotzdem komisch. Die anderen Kirchen sind doch viel schöner. Größer sind sie auch. Haben jede Menge Kunstschätze und berühmte Fensterbilder. Aber irgendwas scheint da zu fehlen. Vielleicht friere ich deshalb dort so oft? Weil eben die Wärme fehlt? Wer weiß.
Aber man kann in unseren Kirchen hier in der Stadt auch innerlich das Frieren lernen.
Da stand ich nun während der Wandlung im Münster. Dass ein Hinknien nicht möglich war, weil man im Zuge der Modernisierung vor einigen Jahren die "altmodischen" Bänke durch Strohstühle ersetzt hatte, schien niemanden zu stören. Klar, darüber kann man jetzt prima streiten - braucht man das? Hinknien? Mich ärgert aber, dass man mir nicht mal die Wahl lässt.
Der Priester nutzte dann den Pfingstmontag zu einem Referat, wie viele Sprachen in unserer Stadt gesprochen würden, und wie bewundernswert er Menschen fände, die eine Begabung für Fremdsprachen hätten - seiner Meinung nach müssten diese Menschen ganz besonders vom Heiligen Geist berührt sein. Dass er gleich danach zugab, selber in dieser Hinsicht völlig talentlos zu sein - okay, DAS war dann wirklich von unfreiwilliger Komik.
Nicht komisch fand ich, als - nach einem Aufruf zu Toleranz und Verständnis allen anderen Religionen gegenüber (was ich vollkommen unterstütze) - als Begründung für diesen Aufruf angeführt wurde, wir würden ja alle zum selben Gott beten, Er hätte eben nur verschiedene Namen: Bei uns eben Gott, im Islam Allah, und die Juden würden aus Respekt Seinen Namen nicht aussprechen - aber abgesehen vom Namen gäbe es ja keine Unterschiede; es wäre immer derselbe Gott.
Sagt das mal einem Juden oder einem Moslem... der hat dazu sicherlich so das eine oder andere zu sagen...
Ach ja, die Kommunionausteilung darf ich nicht vergessen: Da stand also der Priester mittig und teilte aus. Rechts und links von ihm in den Seitenschiffen standen Frauen mit Kelchen. Ich habe erst nicht verstanden, was das sollte - und dann mit offenem Mund zugeschaut, als die Leute vom Priester weg, die Hostie zwischen den Fingern, nach rechts oder links in die Seitenschiffe gingen und dort die Hostie in den Wein (ja, ja, ich weiß: Blut Christi - ich gebe hier nur sachlich wieder, was ich sah) tauchten und erst dann in den Mund steckten. Manche trugen die Hostie dabei so leger zwischen zwei Fingern, dass ich nur darauf gewartet habe, dass sie zu Boden fiele.
Gut, nun nennt mich erzkonservativ, aber ich kann nicht anders: Nach meinem Verständnis dessen, was bei der Wandlung vor sich geht, und was die Hostie anschließend ist (IST! Nicht 'repräsentiert'!), war das heute ein solches No-Go, dass ich hätte heulen können.
Und wie sieht es sonst so aus mit unseren Kirchen hier im Städtchen? Naja, alle kenne ich natürlich nicht. Meine eigene kleine Gemeindekirche - die Gründung der GDG vor einigen Jahren lässt herzlich grüßen. Erst nahm die Zahl der sonntäglichen Wortgottesdienste zu. Dann wurde der altgediente Kirchenchor "geschasst". Und dieses Jahr hatten wir zu Himmelfahrt - nichts. Keine Messe, keinen Gottesdienst, keine Andacht - nix. Zu Pfingstsonntag gab es wenigstens einen Wortgottesdienst.
Und dann wäre da die große Citykirche eines anderen Stadtteils. Dort war ich zuletzt zwei Mal:
Einmal in einer Abendmesse. Die begann mit fast 10 Minuten Verspätung. Aus welchem Grund auch immer - aber der Priester tat sein Äußerstes, diese Verspätung wieder aufzuholen (die Bahn schafft sowas eher selten, aber er schien darin recht geübt zu sein). Da wurde ausgelassen und verkürzt, was nur ausgelassen und verkürzt werden konnte, und der Rest so schnell gesprochen, dass man kaum etwas verstand - macht ja nix, man kennt die Texte ja. Ich kann's bis heute nicht so wirklich erklären, wieso bei mir so gar keine Andacht aufkommen wollte.
Ja, und dann die Mittagsmesse. Da hatte ich kürzlich einen "Brückentag" und war in der Stadt - und da ich wusste, es war dort für 12 Uhr eine Mittagsmesse angesetzt, ging ich hin. Um 5 vor 12. Keiner da. Um 12. Keiner da. Um 5 nach 12. Keiner da. Messe ausgefallen, weil wegen issnich. Gering besuchte Messen kennt man ja leider, aber sowas? War mir jedenfalls bis dahin neu.
Und dann gibt's da in einer Nachbarstadt ein Klosterkirchlein mitten in der Innenstadt. Wenn ich das jetzt mit den vorangegangenen Erlebnissen vergleiche, muss ich tatsächlich an das kleine gallische Dorf von Asterix und Obelix denken, dass so vortrefflich dem Zeitgeist... äh, also, ich meine... den Römern trotzte. Als ich dort zum ersten Mal samstags durch Zufall in eine Mittagsmesse geriet, habe ich mich noch gefragt, ob ich einen Feiertag übersehen hätte: Kirche proppenvoll. Doch das "schaffen" die dort jeden Tag - auch den ganz normalen Arbeitstagen mitten in der Woche. Woran es liegt, weiß ich nicht. Okay, gut, die Feierlichkeit, mit der dort die Eucharistie zelebriert wird, ist schon recht nett. Und auch, dass man beim jeweiligen diensthabenden Priester so viel Liebe für seinen Job spürt, ist ja nicht ganz falsch.
Trotzdem komisch. Die anderen Kirchen sind doch viel schöner. Größer sind sie auch. Haben jede Menge Kunstschätze und berühmte Fensterbilder. Aber irgendwas scheint da zu fehlen. Vielleicht friere ich deshalb dort so oft? Weil eben die Wärme fehlt? Wer weiß.
Sonntag, 8. Juni 2014
Heuchelei
mag ich eigentlich nicht so besonders. Und trotzdem, wie ich kürzlich schon einer Freundin gegenüber zugab, komme ich mir in letzter Zeit etwas heuchlerisch vor. Ungefähr so, wie die Frau, die ihrer Freundin rät, jetzt doch wirklich mal mit dem Rauchen aufzuhören - "Denk doch an deine Gesundheit! Und überhaupt, was das kostet!" - um sich dann allein für sich im stillen Kämmerlein selbst eine Camel anzustecken.
"Pfeiffer, Sie faseln!"
Na, ganz so schlimm ist es nicht. Ich zäume nur das Pferd mal wieder von hinten auf. Und dieses Pferd heißt - wieder mal - Facebook.
Ich hatte mich ja vor nicht wirklich allzu langer Zeit ziemlich großartig von Facebook verabschiedet. Und hatte stattdessen diesen Blog gestartet. Und es genossen (das tue ich übrigens immer noch), "draußen" wieder meine Umwelt statt nur die Oberfläche meines Smartphones wahrzunehmen.
Trotzdem mehrt sich in der letzten Zeit mehr und mehr das Gefühl, ein Heuchler zu sein:
Mein Blog z.B. macht mir viel Spaß. Und obwohl er erst eine Handvoll Beiträge hat, wurden diese inzwischen insgesamt unglaubliche 600 (!) Mal angeklickt. (Sorry, aber das haut mich immer noch ein wenig aus den Sandalen.) Und wie wäre seine Verbreitung, wenn ich nicht jeden Beitrag bei Facebook verlinkt hätte? Seien wir ehrlich: Ich müsste mindestens eine Null streichen.
Und was mache ich, wenn ich online einen mir wichtigen Artikel entdecke, den ich gerne verbreitet wüsste? Ja, genau: Ich verlinke ihn zu Facebook.
Und wie bleibe ich mit einigen meiner Freunde in Verbindung? Indem ich weiterhin über die PN-Funktion bei Facebook erreichbar bin.
Inzwischen, denke ich mal, ist klar, was ich mit "Heuchelei" meine. Und ich glaube auch, dass man mir da zustimmen muss, wenn ich mein Verhältnis zu Facebook derzeit so einschätze.
Was macht das jetzt mit mir?
Schwierig. Einerseits bin ich immer noch der Meinung, dass FB eine nachhaltigere Diskussionskultur zerstört, ebenso wie ein ernsthaftes und anhaltendes Beschäftigen mit einem Thema. Einerseits denke ich immer noch, dass FB manche Menschen dazu verführt, sich im ständigen Daddeln, Liken, Posten zu verlieren bzw. vor ihrem Leben dorthin zu flüchten. Einerseits...
Und andererseits sehe ich, dass ich derzeit keine Platform kenne, die eine schnellere Verbreitung von Informationen, Themen und Anliegen ermöglicht, als eben dieses Facebook. Ich sehe - nur mal so als Beispiel herausgegriffen, weil es mich so faszniert - die FB-Seite My Stealthy Freedom der Exil-Iranerin Masih Alinejad, die dort Fotos iranischer Frauen einstellt (natürlich immer mit deren Erlaubnis), die in kleinen Momenten "heimlicher Freiheit" ihren vom Staat aufgezwungenen Schleier abgelegt haben und sich so fotografieren ließen. Diese Seite hat eine Eigendynamik und eine weltweite Verbreitung gefunden, und das in sehr kurzer Zeit, die auf andere Weise so wohl unmöglich gewesen wäre. Man darf jedenfalls gespannt sein, wohin das führt.
Okay, und was nun?
Ganz einfach: Ich erkläre das Projekt "Rückzug" hiermit für beendet. Und ziehe folgendes Fazit:
Ohne meinen zeitweisen Rückzug gäbe es meinen Blog nicht. Schon dafür hat es sich gelohnt.
Und ich habe bemerkt, wie sehr FB einen Menschen vereinnahmen kann - ich werde auch nach dem Rückzug vom Rückzug eindeutig wesentlich weniger dort aktiv sein als vorher.
Ja, so ist das.
"Pfeiffer, Sie faseln!"
Na, ganz so schlimm ist es nicht. Ich zäume nur das Pferd mal wieder von hinten auf. Und dieses Pferd heißt - wieder mal - Facebook.
Ich hatte mich ja vor nicht wirklich allzu langer Zeit ziemlich großartig von Facebook verabschiedet. Und hatte stattdessen diesen Blog gestartet. Und es genossen (das tue ich übrigens immer noch), "draußen" wieder meine Umwelt statt nur die Oberfläche meines Smartphones wahrzunehmen.
Trotzdem mehrt sich in der letzten Zeit mehr und mehr das Gefühl, ein Heuchler zu sein:
Mein Blog z.B. macht mir viel Spaß. Und obwohl er erst eine Handvoll Beiträge hat, wurden diese inzwischen insgesamt unglaubliche 600 (!) Mal angeklickt. (Sorry, aber das haut mich immer noch ein wenig aus den Sandalen.) Und wie wäre seine Verbreitung, wenn ich nicht jeden Beitrag bei Facebook verlinkt hätte? Seien wir ehrlich: Ich müsste mindestens eine Null streichen.
Und was mache ich, wenn ich online einen mir wichtigen Artikel entdecke, den ich gerne verbreitet wüsste? Ja, genau: Ich verlinke ihn zu Facebook.
Und wie bleibe ich mit einigen meiner Freunde in Verbindung? Indem ich weiterhin über die PN-Funktion bei Facebook erreichbar bin.
Inzwischen, denke ich mal, ist klar, was ich mit "Heuchelei" meine. Und ich glaube auch, dass man mir da zustimmen muss, wenn ich mein Verhältnis zu Facebook derzeit so einschätze.
Was macht das jetzt mit mir?
Schwierig. Einerseits bin ich immer noch der Meinung, dass FB eine nachhaltigere Diskussionskultur zerstört, ebenso wie ein ernsthaftes und anhaltendes Beschäftigen mit einem Thema. Einerseits denke ich immer noch, dass FB manche Menschen dazu verführt, sich im ständigen Daddeln, Liken, Posten zu verlieren bzw. vor ihrem Leben dorthin zu flüchten. Einerseits...
Und andererseits sehe ich, dass ich derzeit keine Platform kenne, die eine schnellere Verbreitung von Informationen, Themen und Anliegen ermöglicht, als eben dieses Facebook. Ich sehe - nur mal so als Beispiel herausgegriffen, weil es mich so faszniert - die FB-Seite My Stealthy Freedom der Exil-Iranerin Masih Alinejad, die dort Fotos iranischer Frauen einstellt (natürlich immer mit deren Erlaubnis), die in kleinen Momenten "heimlicher Freiheit" ihren vom Staat aufgezwungenen Schleier abgelegt haben und sich so fotografieren ließen. Diese Seite hat eine Eigendynamik und eine weltweite Verbreitung gefunden, und das in sehr kurzer Zeit, die auf andere Weise so wohl unmöglich gewesen wäre. Man darf jedenfalls gespannt sein, wohin das führt.
Okay, und was nun?
Ganz einfach: Ich erkläre das Projekt "Rückzug" hiermit für beendet. Und ziehe folgendes Fazit:
Ohne meinen zeitweisen Rückzug gäbe es meinen Blog nicht. Schon dafür hat es sich gelohnt.
Und ich habe bemerkt, wie sehr FB einen Menschen vereinnahmen kann - ich werde auch nach dem Rückzug vom Rückzug eindeutig wesentlich weniger dort aktiv sein als vorher.
Ja, so ist das.
Samstag, 7. Juni 2014
"Spiel mit der Wahrheit" - Wie jetzt?
Fast möchte ich es mir einfach machen und nur schreiben:
In "Christ & Welt" ist ein Artikel namens Spiel mit der Wahrheit erschienen.
*hmpf*
Ende.
Gut, also dann ausführlicher.
Der Artikel handelt von der im Sudan zum Tode verurteilten Christin Meriam Yehya Ibrahim Ishag (von der ich in den letzten Tagen leider online keine Neuigkeiten mehr gesehen habe). Ich habe ja schon mehrmals darüber geschrieben.
Oder sagen wir anders: Der Artikel sollte von Meriam handeln, aber irgendwo hat der Autor wohl den Faden verloren.
Dass ich den Header des Artikels schon vorab als sehr irreführend empfinde, bermerke ich hier mal nur am Rande.
Die ersten Abschnitte sind im Thema: Die Vorgeschichte wird erzählt, wie es zur Verhaftung kam, zur Todesstrafe, die Hintergründe, die Rechtslage. Soweit alles in Ordnung. Wir sind bei Meriam und ihrer Geschichte.
Und dann gibt es einen Riss. Plötzlich sind wir bei einem deutschen "Missionar", der mit einigen anderen "radikalen Missionaren" Muslime im Sudan für den christlichen Glauben zu gewinnen versucht - mit, wie er selber zugibt, nur sehr geringem Erfolg. Von ihrer "Arbeitsweise" wird erzählt, von den Gefahren, die ihm (und eventuellen Konvertiten) drohen, von seinen Gründen, trotzdem weiterzumachen.
Man kann über diese Menschen schreiben. Klar. Aber warum hier, in diesem Artikel? Meriam wurde nicht von einem "radikalen Missionar" zum Christentum "verführt". Sie hatte eine christliche Mutter, die ihre Tochter als Christin erzog. Zur reinen Erklärung des Begriffs "Apostasie" war dieser lange Einschub erstens völlig unnötig, und zweitens hatte er nichts mit dem vorliegenden Fall zu tun. Höchstens vielleicht, dass man sagen könnte "seht ihr; die Christen sind mal wieder selbst Schuld an ihrer Malaise". Aber das will ja keiner. Sagen. Denke ich. Oder?
Oder doch?
Ich muss gerade an eine Kollegin denken, mit der ich vor vielen Jahren einmal folgendes Gespräch hatte, an das ich heute noch mit Entsetzen denke:
Irgendwann sagte sie zu mir: "Naja, die Juden sind doch selbst schuld."
Ich: "Schuld? Wie jetzt? Woran?"
Sie: "Daran, dass sie überall verfolgt und vertrieben werden."
Ich. "Daran sind sie selbst schuld? Ja, aber wie denn das jetzt?"
Sie: "Das ist doch ganz klar! Man muss sich doch nur einmal ihre Geschichte ansehen, dann weiß man, dass sie seit Jahrtausenden überall verfolgt und vertrieben wurden - dann muss ja wohl doch was dran sein, dass sie das selber verschulden, wenn sie immer wieder so behandelt werden."
(Nein, ich habe diesen Dialog nicht erfunden - er hat vor ca. 15 Jahren fast wortwörtlich so stattgefunden.)
Warum ich gerade jetzt wieder daran denken muss. Weil - irgendwie so ganz dumpf im Hinterkopf - bei mir der Gedanke herumspukt, dass unser Autor an dieser Stelle seines Artikels so lange krampfhaft nach einem Grund gesucht hat, dem Leser unterschwellig zumindest eine Mitschuld der dortigen Christen an ihrer Situation einzureden, bis er unter einem der vielen Steine, die er dabei umgedreht hat, ein paar radikale christliche Missionare gefunden hat.
Und wie geht's noch weiter im Artikel?
Es wird über den Bruder spekuliert, der Meriam angezeigt und ihr bei den Behörden vorgeworfen hat, dem muslimischen Glauben abgeschworen zu haben. Warum hat er das wohl getan? Lehnte er ihr selbstbestimmtes Leben ab? Oder war es Neid über ihre finanzielle Situation? So fragt der Autor.
Um beides dann gleich abzulehnen. Für ihn sind weder Familienzwist noch Religion die Gründe für das Urteil.
Mooooment mal - wie war jetzt noch mal die Frage? Ging es nicht gerade noch um die Beweggründe des Bruders? Und zur Antwort hören wir etwas über die Gründe, weshalb das Gericht ein so hartes Urteil gefällt haben könnte. Faden verloren? Naja, kann passieren.
Anschließend folgt ein - wie ich gerne zugebe - interessanter Abriss über die politischen und wirtschaftlichen Zustände im Sudan. Schon dafür hat sich das Lesen dann doch noch gelohnt. Aber ein etwas übler Nachgeschmack bleibt.
In "Christ & Welt" ist ein Artikel namens Spiel mit der Wahrheit erschienen.
*hmpf*
Ende.
Gut, also dann ausführlicher.
Der Artikel handelt von der im Sudan zum Tode verurteilten Christin Meriam Yehya Ibrahim Ishag (von der ich in den letzten Tagen leider online keine Neuigkeiten mehr gesehen habe). Ich habe ja schon mehrmals darüber geschrieben.
Oder sagen wir anders: Der Artikel sollte von Meriam handeln, aber irgendwo hat der Autor wohl den Faden verloren.
Dass ich den Header des Artikels schon vorab als sehr irreführend empfinde, bermerke ich hier mal nur am Rande.
Die ersten Abschnitte sind im Thema: Die Vorgeschichte wird erzählt, wie es zur Verhaftung kam, zur Todesstrafe, die Hintergründe, die Rechtslage. Soweit alles in Ordnung. Wir sind bei Meriam und ihrer Geschichte.
Und dann gibt es einen Riss. Plötzlich sind wir bei einem deutschen "Missionar", der mit einigen anderen "radikalen Missionaren" Muslime im Sudan für den christlichen Glauben zu gewinnen versucht - mit, wie er selber zugibt, nur sehr geringem Erfolg. Von ihrer "Arbeitsweise" wird erzählt, von den Gefahren, die ihm (und eventuellen Konvertiten) drohen, von seinen Gründen, trotzdem weiterzumachen.
Man kann über diese Menschen schreiben. Klar. Aber warum hier, in diesem Artikel? Meriam wurde nicht von einem "radikalen Missionar" zum Christentum "verführt". Sie hatte eine christliche Mutter, die ihre Tochter als Christin erzog. Zur reinen Erklärung des Begriffs "Apostasie" war dieser lange Einschub erstens völlig unnötig, und zweitens hatte er nichts mit dem vorliegenden Fall zu tun. Höchstens vielleicht, dass man sagen könnte "seht ihr; die Christen sind mal wieder selbst Schuld an ihrer Malaise". Aber das will ja keiner. Sagen. Denke ich. Oder?
Oder doch?
Ich muss gerade an eine Kollegin denken, mit der ich vor vielen Jahren einmal folgendes Gespräch hatte, an das ich heute noch mit Entsetzen denke:
Irgendwann sagte sie zu mir: "Naja, die Juden sind doch selbst schuld."
Ich: "Schuld? Wie jetzt? Woran?"
Sie: "Daran, dass sie überall verfolgt und vertrieben werden."
Ich. "Daran sind sie selbst schuld? Ja, aber wie denn das jetzt?"
Sie: "Das ist doch ganz klar! Man muss sich doch nur einmal ihre Geschichte ansehen, dann weiß man, dass sie seit Jahrtausenden überall verfolgt und vertrieben wurden - dann muss ja wohl doch was dran sein, dass sie das selber verschulden, wenn sie immer wieder so behandelt werden."
(Nein, ich habe diesen Dialog nicht erfunden - er hat vor ca. 15 Jahren fast wortwörtlich so stattgefunden.)
Warum ich gerade jetzt wieder daran denken muss. Weil - irgendwie so ganz dumpf im Hinterkopf - bei mir der Gedanke herumspukt, dass unser Autor an dieser Stelle seines Artikels so lange krampfhaft nach einem Grund gesucht hat, dem Leser unterschwellig zumindest eine Mitschuld der dortigen Christen an ihrer Situation einzureden, bis er unter einem der vielen Steine, die er dabei umgedreht hat, ein paar radikale christliche Missionare gefunden hat.
Und wie geht's noch weiter im Artikel?
Es wird über den Bruder spekuliert, der Meriam angezeigt und ihr bei den Behörden vorgeworfen hat, dem muslimischen Glauben abgeschworen zu haben. Warum hat er das wohl getan? Lehnte er ihr selbstbestimmtes Leben ab? Oder war es Neid über ihre finanzielle Situation? So fragt der Autor.
Um beides dann gleich abzulehnen. Für ihn sind weder Familienzwist noch Religion die Gründe für das Urteil.
Mooooment mal - wie war jetzt noch mal die Frage? Ging es nicht gerade noch um die Beweggründe des Bruders? Und zur Antwort hören wir etwas über die Gründe, weshalb das Gericht ein so hartes Urteil gefällt haben könnte. Faden verloren? Naja, kann passieren.
Anschließend folgt ein - wie ich gerne zugebe - interessanter Abriss über die politischen und wirtschaftlichen Zustände im Sudan. Schon dafür hat sich das Lesen dann doch noch gelohnt. Aber ein etwas übler Nachgeschmack bleibt.
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